Wiler Stadtrat entscheidet sich gegen die Mädchensekundarschule

Geht es nach dem Willen der Exekutive, gibt es in der Stadt Wil ab August 2024 nur noch drei statt vier Oberstufen. Den Schulvertrag mit der Stiftung Schule St. Katharina will der Stadtrat kündigen, was für die Mädchensekundarschule wohl den Todesstoss bedeuten würde.

Hans Suter
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Daniel Stutz (Departement Bau, Umwelt und Verkehr) und Jutta Röösli (Schulratspräsidentin) begründeten den Stadtratsentscheid für das Modell D und damit gegen das Kathi mit einfacheren Strukturen und möglicherweise tieferen Kosten. (Bild: Gianni Amstutz)

Daniel Stutz (Departement Bau, Umwelt und Verkehr) und Jutta Röösli (Schulratspräsidentin) begründeten den Stadtratsentscheid für das Modell D und damit gegen das Kathi mit einfacheren Strukturen und möglicherweise tieferen Kosten. (Bild: Gianni Amstutz)

Wie soll die Schullandschaft in der mit Bronschhofen vereinigten Stadt Wil in Zukunft aussehen? Zur Beantwortung dieser Frage wurde während zweieinhalb Jahre in einem breit angelegten Prozess das Projekt «Schule 2020» geplant. Dafür stand ein Kredit von 350000 Franken zur Verfügung. Nun liegen die Resultate vor.
Drei Erkenntnisse stechen ins Auge: Erstens werden die Schülerzahlen in den nächsten Jahren deutlich ansteigen, zweitens besteht bei der Schule bis 2030 ein Investitionsbedarf von 133 bis 145 Millionen Franken (-/+ 30%) und drittens lässt sich das Ganze ohne die Mädchensekundarschule St. Katharina (im Volksmund Kathi genannt) einfacher organisieren. Ausserdem sieht der Stadtrat im Ansinnen, die reine Mädchensekundarschule der Stiftung Schule St. Katharina aus dem Schulangebot zu streichen, einen Fortschritt in der Chancengleichheit zwischen Mädchen und Knaben. 

Mädchen bevorzugen bislang das Kathi

Das Volksschulgesetz sieht vor, dass Mädchen und Knaben gemeinsam unterrichtet werden. Wo dies nicht der Fall ist, braucht es eine Ausnahmebewilligung. Beispiele gibt es in St. Gallen, Gossau und Wil. Die Mädchensekundarschule St. Katharina in Wil ist eine aus einer Klosterschule entstandene Privatschule und verfügt über diese Bewilligung. «Es gehen so viele Mädchen ins Kathi, dass die Oberstufe die Koedukation nicht mehr sicherstellen kann», sagte Schulratspräsidentin Jutta Röösli gestern an einer Medienkonferenz im Wiler Rathaus. Übersetzt bedeutet dies: Ein Grossteil der Sekundarmädchen zieht das Kathi der klassischen Oberstufe vor. Festzuhalten ist, dass das Kathi nur freiwillig besucht werden kann; es gibt keine behördliche Zuteilung.

Entscheiden zwischen zwei Modellen

Laut Stadtrat Daniel Stutz, Vorsteher des Departements Bau, Umwelt und Verkehr (BUV), wird die Bevölkerung in der Stadt Wil in den nächsten Jahren um durchschnittlich 0,8 Prozent wachsen. Auch die Schülerzahlen würden bis 2030 deutlich ansteigen. Zudem besteht erheblicher Sanierungs- und Erweiterungsbedarf bei mehreren bestehenden Schulanlagen. Im Projekt «Schule 2020» wurden mehrere Szenarien entworfen, um den Problemstellungen wirksam zu begegnen. Schliesslich sind zwei Modelle geblieben; beide gehen von künftig drei statt wie bisher vier Oberstufenschulhäusern aus. Das Modell B setzt auf die Oberstufen Lindenhof, Bronschhofen und die Schule St. Katharina (die Oberstufe Sonnenhof würde zur Primarschule), während beim Modell D die Oberstufen Lindenhof, Sonnenhof und Bronschhofen weitergeführt würden und der Schulvertrag mit der Stiftung Schule St. Katharina gekündigt würde. «Mit Modell D ergeben sich sofort geklärte Verhältnisse für die Schulraumplanung und es kann schrittweise mit einer minimalen Anzahl an Provisorien geplant werden», argumentiert der Stadtrat, der sich im Verhältnis 4:1 für das Modell D und somit gegen das Kathi ausspricht. Mit der Konzentration auf drei öffentliche Oberstufenschulhäuser könne die Schule Wil die Kräfte bündeln, sowohl was die pädagogischen Konzepte als auch was die raumplanerischen und wirtschaftlichen Aspekte betreffe. Im favorisierten Modell D würden in den drei Oberstufen je acht Sekundarklassen, sechs Realklassen (Bronschhofen 5) mit je etwa 245 Schülerinnen und Schülern geführt (Bronschhofen zirka 230). Im «Lindenhof» gäbe es zudem je drei Klein- und Sportklassen, im «Sonnenhof» eine Eingliederungsklasse.

Investitionsbedarf bei 133 bis 145 Millionen Franken

Ungeachtet des gewählten Modells steht die Stadt Wil vor gigantischen Investitionen in die Schule. Der Stadtrat geht davon aus, dass bis 2030 beim Modell B (mit Kathi) für Neubauten, Sanierungen usw. etwa 133 Millionen Franken und beim Modell D (ohne Kathi) etwa 145 Millionen Franken aufgebracht werden müssen. Die Betriebskosten ohne Kathi sind laut Jutta Röösli etwas geringer. Was sie zum Schluss kommen liess: «Wir können mit gutem Gewissen sagen: Das Modell D kommt etwas günstiger.» Sowohl Jutta Röösli als auch Daniel Stutz weisen darauf hin, dass es sich um Kostenschätzung mit möglichen Abweichungen von plus/minus 30 Prozent handle.
Das Stadtparlament wird voraussichtlich im Sommer 2019 über die entsprechende Vorlage entscheiden.

«Wir sind sehr enttäuscht vom Stadtrat»

Beim Stiftungsrat Schule St. Katharina kommt der stadträtliche Antrag an das Parlament, auf das Modell D statt B zu setzen, schlecht an. «Wir sind sehr enttäuscht», sagt Stiftungsratspräsident Armin Eugster. Und erstaunt: «Im Projekt Schule 2020 standen drei Ziele im Vordergrund: das Kind im Zentrum, Bildungsvielfalt und Innovation. Diese Ziele sind wohl verfehlt», konstatiert Eugster. Resignieren will er allerdings nicht. Er ist überzeugt, dass noch nichts verloren ist. Denn die Schule St. Katharina habe während mehr als 200 Jahren bewiesen, dass sie der öffentlichen Schule der Stadt Wil ebenbürtig sei. Viele ehemalige Schülerinnen sagen aus eigener Erfahrung, das Kathi sei die bessere Wahl für junge Frauen in diesem Alter. Dies insbesondere deshalb, weil das Kathi beim Menschen ansetze. Armin Eugster bedauert denn auch, dass im Bericht und Antrag an das Parlament «mehr von Planungssicherheit als von Bildungsvielfalt und Standortattraktivität» die Rede sei.
«Wir setzen nun auf das Parlament», sagt der Jurist und ehemalige Wiler Parlamentspräsident und einstige CVP-Kantonsrat. Der stadträtliche Bericht mit Antrag geht nun an die vorberatende Kommission und wird voraussichtlich im Herbst 2019 vom Stadtparlament beraten und entschieden. Dabei kann noch viel geschehen: Das Parlament kann die Vorlage annehmen oder ablehnen, und es kann das Rats- oder fakultative Referendum ergriffen werden, womit es zur Volksabstimmung käme.
Das hätte zeitliche Verzögerungen zur Folge und birgt für den Stadtrat ein hohes Mass an Unsicherheit. Das Volk kann nämlich nur darüber befinden, was das Parlament entschieden hat. Die an der Urne zu beantwortende Frage wäre somit ein Ja oder Nein zum Modell D. Eine gegenüberstellende Abstimmung mit Modell B und D plus Stichentscheid bei Annahme beider Modelle lässt die aktuelle Gemeindeordnung nicht zu. Eine vorgängige Anpassung der Gemeindeordnung wiederum will die Mehrheit im Stadtrat nicht.