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Wiler Politiker haben Nachholbedarf in Sachen Soziale Medien

Der digitale Wandel ermöglicht neue Formen des politischen Dialogs. In Wil wird das Potenzial jedoch noch kaum ausgeschöpft.
Adrian Zeller
Daumen hoch: Bisher haben sich die Wiler Politiker diesen für ihre Nutzung von sozialen Medien als politisches Kommunikationsinstrument nicht verdient.Bild: Fotolia

Daumen hoch: Bisher haben sich die Wiler Politiker diesen für ihre Nutzung von sozialen Medien als politisches Kommunikationsinstrument nicht verdient.Bild: Fotolia

In einer Demokratie ist die Öffentlichkeit für die Meinungsbildung unverzichtbar. In ihr präsentieren sich Kandidierende für politische Ämter, in ihr werden Argumente zu gesellschaftlichen Themen diskutiert und in ihr werden Missstände angeprangert. Bis zur Ausbreitung des Internets hatten die Bürgerinnen und Bürger nur beschränkte Möglichkeiten, ihre Vorschläge und ihre Kritik öffentlich zu machen.

Die Instrumente waren Wortmeldungen an Bürgerversammlungen, Schreiben von Leserbriefen für Printmedien sowie Verteilen von Flugblättern. Seit der Jahrtausendwende ist durch den digitalen Wandel im virtuellen Raum eine neue Öffentlichkeit entstanden, Eingangstor zu ihr bilden Smartphones, Tablets und Laptops.

Soziale Medien gestalten politisches Leben neu

Die sozialen Medien sind innert wenigen Jahren zu einem Massenmedium neuen Typs geworden: 2,27 Milliarden Menschen sind monatlich auf Facebook aktiv, bei Instagram ist es eine Milliarde, und bei Twitter sind es 330 Millionen. Das politische Leben hat sich durch die Digitalisierung verändert. Die rasante Ausbreitung des Arabischen Frühlings 2010 beispielsweise wird von Beobachtern vor allem auf die Mobilisierung über die sozialen Medien zurückgeführt.

Auch auf der lokalen Ebene haben die neuen Medien das politische Leben neu gestaltet. In Wil hat sich die Facebook-Gruppe «Du bisch von Wil wenn» gebildet. Sie wurde von der türkisch-schweizerischen Doppelbürgerin Emire Mustafa als virtuelle Gemeinschaft gegründet.

Die Plattform entspricht offensichtlich einem grossen Bedürfnis, mittlerweile gehören ihr 5627 Mitglieder an. Dieses digitale Forum erfüllt eine ähnliche Funktion wie ein Stammtisch: Aktualitäten werden kontrovers diskutiert. Beispielsweise führten Fahrplanänderungen im ÖV zu unterschiedlichen Kommentaren. Und auch beim Antrag auf ein Alkoholverbot auf dem Bahnhofareal prallten abweichende Perspektiven aufeinander.

Ein Klick reicht zur Meinungsäusserung

Dieses digitale Gefäss ermöglicht niederschwellige Meinungsäusserungen. Mit einer Auswahl an Emojis können Gruppenmitglieder Zustimmung, Verärgerung oder Betrübnis über einzelne Kommentare zum Ausdruck bringen.

Um sich öffentlich zu äussern, braucht es nicht mehr einen Leserbrief in der Zeitung. Das Smartphone wird zum Instrument für den demokratischen Diskurs. Ein Click auf ein Bildzeichen oder ein kurzer Kommentar genügen um sich in eine Debatte einzubringen.

Zudem kann ein vermuteter Missstand – etwa eine schwach beleuchtete Unterführung – mit einem Clip mit der Handykamera im Internet publik gemacht werden. Noch unkomplizierter lässt sich die demokratische Kultur kaum pflegen.

Potenzial bleibt grösstenteils ungenutzt

Noch wird das Potenzial der sozialen Medien von der institutionellen Politik in Wil spärlich eingesetzt. Lediglich eine Minderheit der Politiker und der Parteien nutzen sie, um mit den Einwohnern in einen Dialog über politische Themen zu treten. Die Posts werden vorwiegend für den Wahlkampf eingesetzt. Vor allem wird visuelles Werbematerial der Kandidierenden veröffentlicht, Stellungnahmen zu Sachthemen findet man hingegen kaum.

Ähnlich einer Bürgerversammlung böten die neuen Medien aber Gelegenheiten, eigene Standpunkte zu erläutern, die Arbeit von Kommissionen aufzuzeigen und damit die Bevölkerung und den Parlamentsbetrieb enger zu verbinden.

Längst nicht alle Einwohnerinnen und Einwohner von Wil informieren sich über die Tageszeitung über das politische Geschehen. Um sie am demokratischen Meinungsbildungsprozess zu beteiligen, braucht es im digitalen Zeitalter erweiterte Formen.

Die Stadt Wil war Pionierin

Ende der Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts standen die Zeichen in der Schweizer Medienlandschaft auf Veränderung. Der Ruf nach einer Liberalisierung des Schweizer Marktes für elektronische Medien beschäftigte die Bundespolitik. Dieser Zeitgeist führte schliesslich dazu, dass Wil vom Bundesamt für Kommunikation eine befristete Konzession für einen experimentellen Lokalfernsehbetrieb erhielt.

Die Projektinitianten waren damals die Stiftung Dialog sowie die Staatsbürgerliche Gesellschaft. Sie strebten in der Stadt ein «beispielhaftes Modell für ein bürgernahes Fernsehen der Zukunft» an. Vom Internet ahnte damals noch niemand etwas. Den Zuschlag verdankte Wil auch ihrer malerischen Altstadt. Aus Gründen des Ortsbildschutzes wurde auf die damals üblichen Fernsehantennen auf den Hausdächern verzichtet. Dank dieser Kabelversorgung waren die technischen Voraussetzungen für einen kleinräumigen Fernsehbetrieb erfüllt.

Am 15. September 1980 schlug die Geburtsstunde für das Bürgermedium «Lokalfernsehen Wil». Nach einem Einführungskurs konnten alle Einwohner ihre Anliegen mit Kamera und Mikrofon aufzeichnen und der Bevölkerung in wöchentlichen Sendungen präsentieren.

Während sich heute dank digitalem Fortschritt jeder mit seiner Handykamera via soziale Medien öffentliche Aufmerksamkeit verschaffen kann, musste damals für Aussenaufnahmen umständlich mit einer Kamera, einem Batteriegurt und einem Recorder – alle mehrere Kilogramm schwer – hantiert werden. Der Versuchsbetrieb sollte Erkenntnisse zur politischen und gesellschaftlichen Partizipation ergeben. Eine wissenschaftliche Begleitung wertete die Erfahrungen in einer Studie aus.

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