Wiler Musikleben mitgeprägt

Es gibt wohl kaum einen Sänger, der das kulturelle Leben in der Region Wil in den vergangenen sechs Jahrzehnten ähnlich mitgeprägt hat wie Anselm Stieger. Und auch mit 78 Lenzen hat der Bassbariton vom Singen noch lange nicht genug.

Christof Lampart
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Anselm Stieger: «Ich durfte mit meinem Gesang vielen Menschen echte Freude bereiten.» (Bild: art.)

Anselm Stieger: «Ich durfte mit meinem Gesang vielen Menschen echte Freude bereiten.» (Bild: art.)

WIL. An Anselm Stiegers Karriere ist vieles bemerkenswert. Auch wenn der gelernte Maurer und spätere Architekt nie die internationale Karriere seines Freundes Kurt Widmer anstrebte, so hat er doch, so seine Einschätzung, «das Beste für mich daraus gemacht». Daran besteht kein Zweifel: «Selmi» hat es nie aus der Region weggezogen. Er, der zuerst in St. Margarethen, später dann in Wil, im Elternhaus seiner Mutter – dem «Haus Pelikan» an der Marktgasse 10 – gross wurde, war hier von Kindesbeinen an stark kulturell und künstlerisch verwurzelt. Und letzteres schon viel länger, waren doch seine Vorfahren mütterlicherseits eng mit dem Wiler Theater verbunden. Im Treppenaufgang des «Pelikans» hängt eine Fotografie aus dem Jahre 1895, die Johann Baptist Hilber – den Vater des berühmten, gleichnamigen Musikers – also Anselm Stiegers Grossvater, als Regisseur und Hauptrollenträger von Albert Lortzings Oper «Zar und Zimmermann» zeigt. 1920 spielte Anselm Stiegers Mutter (damals als Trudy Hilber) das Ännchen in Carl Maria von Webers romantischer Oper «Der Freischütz». Und als 1931 in Wil Mèhuls «Josef und seine Brüder» inszeniert wurde, lernte Trudy den besagten «Josef» sehr gut «kennen», handelte es sich doch bei diesem um keinen anderen als ihren späteren Ehemann Karl Stieger. Als sie drei Jahre später gemeinsam auf der Bühne standen, war auch bereits im Bauch der Mutter der ungeborene Anselm mit dabei, der am 22. September 1934 das Licht der Welt erblickte.

Stimmbildung mit 70 Jahren

Bei dieser Ahnenlinie verwundert es nicht, dass es auch «Selmi» zum Theater zog, wo er 1953 bei der Theatergesellschaft Wil als 19-Jähriger debütierte; nämlich in der kleinen Rolle als Herold in Carl Millöckers «Bettelstudent». «Wir haben zu Hause immer gesungen. Das war für mich das Natürlichste der Welt.» Nach dem ersten Unterricht bei den Eltern, die 1946 ihre Theaterkarriere beendeten. studierte er bei Sylvia Gähwiler in Winterthur und Zürich und später dann, bis in sein 70. Lebensjahr hinein, bei Karlhans Ammann in Wil. «Ich habe immer meiner Stimme Sorge getragen. Mir ist es wichtig, dass ich bis heute meine Stimmbildung und -kontrolle nicht vernachlässige.» Tatsächlich ist der Sänger, dem auch mit 78 Jahren noch der Schalk aus den Augen blitzt, noch heute – vor allem bei den Wiler Chören Cäcilienchor, Concordia und Kammerchor – ein gefragter Sänger. Die ganz grossen Rollen singt er heute nicht mehr öffentlich. Doch in der heimischen Stube übt er am Klavier manch Neues ein. «Das lässt mich stimmlich fit bleiben», erklärt er. Aber auch körperlich unternimmt er einiges, geht zweimal wöchentlich ins Fitnessstudio und fährt viel Fahrrad.

Menschen Freude bereitet

Mit den Jahren wuchs nicht nur Stiegers stimmliches Können, sondern auch seine Rollen. Besonders gerne erinnert er sich an die Jahre mit seiner erst kürzlich verstorbenen Bühnenpartnerin Herta Stiefel-Tschopp zurück. «Wir fingen im gleichen Jahr, 1953, im <Bettelstudent> an. Ab 1960 wurden wir für nicht weniger als sechs Inszenierungen des Theatervereins bis ins Jahr 1975 ein festes Bühnenpaar. Und dass wir beide im Jahr 1994, zusammen mit Hildegard Honold-Raschle, den Wiler Kultur-Anerkennungspreis entgegennehmen durften, hat mir auch sehr viel bedeutet», sagt Stieger. Insgesamt spielte er bis ins Jahr 1997 in 15 Inszenierungen der Theatergesellschaft Wil, die sich heute «Musiktheaterwil» nennt, als Solist mit. Doch warum hat er, dem viele das Format zu einem formidablen Liedsänger zusprachen, nie ganz auf die Karte Gesangskarriere gesetzt? «Ich habe mich tatsächlich während meiner Zeit am Technikum mit der Frage auseinandergesetzt. Aber zum einen hätte ich wohl dann die Ausbildung zum Architekten nicht fertiggemacht, und zum anderen riet meine Mutter mir davon ab. Wohl im Wissen, dass es nur sehr wenige Sänger ganz nach oben schaffen. So habe ich mich halt aufs Singen in der Region Wil beschränkt und bin glücklich damit geworden.» Und hat er diese Entscheidung nie bereut? «Nein, wieso auch. Ich durfte mit meinem Gesang vielen Menschen hier echte Freude bereiten; das ist doch eine tolle Sache, die nicht vielen vergönnt ist.»