Wiler Frauen im Mittelalter: Einige unter ihnen kannten Wege, die patriarchale Ordnung zu umgehen

Die Geschichte Wils ist von Männern geprägt. Doch die Chroniken erzählen auch von aussergewöhnlichen Frauen.

Adrian Zeller
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Die Wohnstätte der Schwestern der «Samnung»-Gemeinschaft stand an der Stelle des heutigen Kirchplatzschulhauses.

Die Wohnstätte der Schwestern der «Samnung»-Gemeinschaft stand an der Stelle des heutigen Kirchplatzschulhauses.

Bild: PD

Die Gegend von Wil war schon vor der Stadtgründung um das Jahr 1200 besiedelt. Die ältesten schriftlichen Hinweise berichten von alemannischen Dörfern. Um das eigene Seelenheil im Jenseits zu sichern, wurden damals oft Gehöfte an das Kloster St.Gallen vermacht.

So geht auch die traditionelle Wiler Hofchilbi auf die Überschreibung des Besitzes des Bauern Rotbalds im Jahr 754 an das Gotteshaus zurück. Der Donator und seine Nachkommen behielten das Nutzungsrecht, mussten aber einen Pachtzins entrichten. Dazu zählte auch das Bier, das an der Hofchilbi mittlerweile an die Bevölkerung ausgeschenkt wird.

Wege aus der Ordnung des Patriarchats

Weniger bekannt ist hingegen, dass auch eine Alemannin namens Sleta 796 ihren Besitz im heutigen Wil und Bronschhofen dem St.Galler Kloster übertrug. Da Frauen damals als nicht waffen- und wehrfähig galten, konnten sie keine Rechtsgeschäfte abschliessen. Sie unterstanden einer Art Vormundschaft ihres Vaters respektive ihres Ehemannes. Er hatte ihr gegenüber Schutzpflichten, aber auch Befehlsgewalt.

Die Witwe Sleta scheint Wege gekannt zu haben, wie man diese patriarchalische Ordnung umgehen kann: Gemäss Urkunde vermachte sie den Besitz zusammen mit ihrem Sohn Winithar dem Kloster.

Zwei kleine Fenster in die Aussenwelt

Auch über eine Frau namens Mathilde von Bronschhofen weiss man wenig Gesichertes. Sie war wahrscheinlich eine sogenannte Inkulse an der Kirche in Bronschhofen.

Frauen wie Männer, die sich in einem Gotteshaus angegliederte Klause einmauern liessen, waren im Mittelalter keine Seltenheit. In ihrem kargen Alltag strebten sie nach gottgefälliger Vollkommenheit. Ihr kleines Refugium sollte sie vor den sündigen Verführungen der Welt beschützen. Die einzige Verbindung mit der Aussenwelt waren zwei kleine Fenster. Das eine gewährte einen Blick auf den Altar sowie die Möglichkeit, die Kommunion zu empfangen. Durch die zweite Öffnung wurden sie mit Nahrung, Licht und Luft versorgt.

Mathilde fühlte sich gemäss der Legende immer wieder vom Lärm wilder Gelage, die häufig auf der Burg Rächberg gefeiert wurden, in ihre Andacht gestört. Dieses Bollwerk soll einst auf einer Anhöhe oberhalb des Rebbergs von Bronschhofen gestanden haben. Heute wird jene Stelle als Burgstall bezeichnet.

Eine frühe Bildungsunternehmerin

Relativ wenig ist von einer Frau überliefert, die an der Marktgasse in Wil eine Privatschule unterhielt. Sie wurde als Ritterin bezeichnet und war keine gebürtige Wilerin. Von ihrer Existenz weiss man durch Einträge in den Steuerlisten («die frömd schulmaisterin Ritterin»).

Seit dem 13. Jahrhundert gab es in Wil eine Lateinschule für Knaben, die von der öffentlichen Hand mitfinanziert wurde. Welche Funktion die zusätzliche Privatschule von Frau Ritter hatte, ist heute nicht bekannt. Sie lebte ausschliesslich von den Beiträgen der Schüler. Zu dieser Zeit hatten praktisch ausschliesslich Knaben sowie Männer Zugang zu Bildung. Da erstaunt es, dass eine Frau eine derartige Bildungsstätte begründete. (az)

Anhängerinnen des Mystikers Eckhart

Ein gottgefälliges Leben wollten auch die Frauen der Gemeinschaft bei der Kirche St.Peter führen. Sie wurden 1284 erstmals urkundlich erwähnt und als «Samnung» bezeichnet, einem alten Wort für Sammlung, im Sinne von Gemeinschaft. Die Frauen waren für die Fürbitten für die Verstorbenen zuständig, die damals neben jenem Gotteshaus beerdigt wurden.

Eine Begine.

Eine Begine.

Bild: PD

Diese Frauen zählten zu sogenannten Beginen, einer Mischform des religiösen Daseins zwischen Laientum und Ordenslebens. Sie lebten in Armut und Keuschheit und praktizierten die tätige Nächstenliebe, aber sie legten – im Gegensatz zu den Nonnen – ihre Gelübde auf Zeit ab. Im Stadtbild waren sie an ihren einheitlichen Umhängen und Kopfbedeckungen leicht zu erkennen. Eine Blütezeit erlebten diese spirituellen Frauengemeinschaften im 13. und im 14.Jahrhundert. Viele Beginen waren Anhängerinnen des Thüringer Mystikers Meister Eckehart, der von der Inquisition verfolgt wurde.

Die Ursprünge der Bewegung der Beginen gehen auf Lambert de Bègue zurück. Der flämische Priester wollte im 12.Jahrhundert eine Alternative zum damaligen Sittenverfall unter den Klerikern und Ordensleuten schaffen. Diese Art von Gemeinschaften breitete sich über ganz Europa aus.

Gesellschaftliche Rolle kontrovers diskutiert

In Wil betätigten sie sich neben der Fürbitte für die Verstorbenen auch als Versorgerinnen der Armen und Kranken. Um nicht Opfer von marodierenden Landsknechten zu werden, zog die Frauengemeinschaft in die Altstadt um, in die Nachbarschaft der St.Nikolauskirche. Ab 1448 lässt sie sich in den städtischen Steuerregistern in der heutigen Altstadt nachweisen. Ihre Wohnstätte stand an der Stelle des heutigen Kirchplatzschulhauses.

Die gesellschaftliche Rolle der «Samnung»-Frauen wird bis heute kontrovers diskutiert: Sie rekrutierten sich oft aus Bürger- und Adelsfamilien und waren oft gebildeter als der Durchschnitt der damaligen Frauen. Durch Schenkungen hatten die Gemeinschaften oft einigen Landbesitz. Zudem gingen sie in Bürgerhäusern ein und aus, auch weil sie bevorzugte Patinnen waren. Wirtschaftlich einigermassen unabhängige Frauen wie sie, die nicht an der Seite eines Mannes, aber auch nicht als Nonnen in strenger Klausur lebten, und dazu noch einigen Landbesitz hatten, standen quer in der streng hierarchisch aufgebauten mittelalterlichen Gesellschaft.

Wichtigen sozialen Beitrag geleistet

Manchenorts erweckten sie sogar Argwohn, sie gerieten zum Teil in den Verdacht der Ketzerei. Unbestritten ist, dass sie mit ihrer Pflege und Fürsorge für Kranke, Arme sowie als Patinnen einen wichtigen sozialen Beitrag leisteten.

Im Jahr 1615 vereinigten sich die «Samnung»-Ordensfrauen mit den Dominikanerinnen des Klosters St.Katharina. Diese waren wegen ständiger Querelen im Zusammenhang mit der Reformation von St.Gallen nach Wil umgezogen. Hier war im Hof auch die Zweitresidenz des Fürstabtes. Da die Dominikanerinnen 1809 eine Schule für Mädchen begründeten, kamen viele angehende Frauen in der Stadt und in der Region zu einer soliden Bildung.

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