Bretter, die die Welt bedeuten: Ein Streifzug durch die Geschichte der äbtestädtischen Theaterkultur

Seit dem Mittelalter werden in Wil Bühnenstücke inszeniert. Die Qualität strahlte über die Stadtgrenzen hinaus aus.

Adrian Zeller
Drucken
Teilen
Die Tonhalle wurde in einer besonderen Blütezeit des Wiler Musiktheaters errichtet.

Die Tonhalle wurde in einer besonderen Blütezeit des Wiler Musiktheaters errichtet.

Bild: Adrian Zeller

Ihren Ursprung hat die Wiler Theaterkultur in den mittelalterlichen Mysterienspielen. Mit szenischen Darstellungen wollte man dem Volk – nicht nur in Wil – auf leicht fassliche Weisen die christlichen Glaubensinhalte näherbringen. Laut Akten wurde beispielsweise 1502 und 1506 in der Äbtestadt ein Osterspiel aufgeführt. Jungmänner, Studenten und Knaben waren die Akteure. Letztere übernahmen die weiblichen Rollen sowie die der Engel. Die Stücke wurden durch Geistliche einstudiert. Anfänglich diente die Kirche als Spielort, später wurden die Aufführungen wegen Platzmangels ins Freie verlegt. Der bis heute lebendige Brauch der Wiler Tüüfel hat seinen Ursprung mutmasslich in diesen Mysterienspielen.

In den städtischen Rechnungsbüchern sind diverse Bühnenstücke vermerkt, für die etwa Requisiten, Bühnenbilder oder zusätzliche Wächter bei grossem Publikumsandrang von der öffentlichen Hand bezahlt werden mussten. Öfters wurden auch die Mimen und die Musiker zu Lasten der Stadtkasse entschädigt. Die Stadt wollte mit den finanziellen Zuwendungen die Mitwirkenden zu weiteren Aktivitäten in der Darstellungskunst ermuntern.

Das Ende «derartiger Mummereien»

1581 wurde etwa das Gleichnis vom verlorenen Sohn gespielt, 1584 das biblische Thema vom reichen Mann aufgegriffen und 1658 das Leben der Büsserin Magdalene aufgeführt.

Besonders denkwürdig ist eine Aufführung der Passionsgeschichte von 1707. Das Publikum reagierte laut historischen Aufzeichnungen darauf sehr ergriffen. Diese Szenerie muss so eindrücklich gewesen sein, dass spontan beschlossen wurde, alljährlich den Kreuzweg Christi mit Darstellern nachzustellen.

Bald wehte jedoch ein anderer Wind – die sich ausbreitende Aufklärung setzte auf Vernunft und Verstand, Mysterienspiele passten nicht mehr in die neue Zeit. Mit derartigen «Schauspielen und Mummereien» sei aufzuhören, verlangte der Generalvikar des Bischofs von Konstanz, Freiherr von Wessenberg; Wil unterstand zeitweise dem Bischof von Konstanz. Auch der Präsident des Kleinen Rates des damals gegründeten Kantons St.Gallen, Karl Müller von Friedberg, schrieb im Jahr 1804 den Wilern «missverstandene Andachtsübungen» seien zu überdenken. Damit endeten die Karfreitagsdarstellungen in Wil.

Qualität gegen die Schande

Auch zur Fastnachtzeit wurde immer wieder Theater gespielt. Die historischen Akten berichten etwa von 17 jungen Männern die 1685 als türkische und polnische Reiter verkleidet auftraten.

Der Rat achtete bei den Bühnenproduktionen auf ein gewisses Qualitätsniveau, da er Schande für die Stadt vermeiden wollte. Er verlangte daher vorgängig eine Aufführung vor dem Gremium, bevor er öffentlichen Auftritten zustimmte. Allzu tief kann die Qualität nicht gewesen sein, 1822 notierte der Wiler Apotheker J.B. Müller, dass das musikalische Leben «im Flor» stand.

Instrumentalistenverlust nach Zürich

Auf welch hohem künstlerischen Niveau die Aufführungskunst in Wil waren, veranschaulicht der Umstand, dass Zürich die Wiler um Unterstützung anging, als dort Haydens Schöpfung gespielt werden sollte. 1811 hatten die Äbtestädter diese Komposition zur Bühnenreife gebracht.

Einige besonders tüchtige Instrumentalisten wechselten in der Folge dauerhaft in die Limmatstadt, was in Wil keine Freude auslöste. Allerdings lockt der Ruf der Stadt mit ihrer Bühnenkultur auch entsprechende Könner an. So gilt die Phase von 1876-1907 als künstlerisch besonders herausragend. Die aus dem Pfarrcäcilienverein, dem Männerchor Concordia und dem Orchesterverein gebildete Theatergesellschaft wurde damals musikalisch von Paul Beckler geleitet. Der aus Süddeutschland stammende verbesserte die Ausbildung der Mitwirkenden und betätigte sich auch erfolgreich als Komponist.

Die Stärke der Wiler Chöre

Vor Beckler war Ernst Kempter ab 1861 professioneller Wiler «Chordirector». Als Wils Stärke galten die Chöre, deshalb wurden bevorzugt Stücke mit Choreinsatz inszeniert. Beckler seinerseits trug den Titel eines «Generalmusikdirectors». Die damalige Kleinstadt Wil war demnach bereit, die Kultur sich etwas kosten zu lassen, indem sie Fachpersonen anstellte.

1867 wurde die komische Oper «Zar und Zimmermann» aufgeführt. Dabei kam es zur oben erwähnten Verbund der Musikvereine zur Theatergesellschaft. Mittlerweile heisst die Organisation Musiktheater Wil. Das in der Folge immer wieder einstudierte Erfolgsstück sollte auch 2021 wieder auf die Bühne gebracht werden, wegen den Auswirkungen der Pandemie wurde es auf 2023 verschoben.

Komische Opern als Erfolgsgarant

Die Aufführungen von komischen Opern und vaterländische Dramen wurden damals zum Erfolgsgaranten, die viel Publikum anlockte, mehr als Platz fand. Als etwa 1906 Schillers Wilhelm Tell aufgeführt wurde, mussten Hunderte von Zuschauenden abgewiesen werden, weil keine Eintrittskarten mehr erhältlich waren.

Die Zeitungen waren des Lobes voll. Die seinerzeit bedeutende Zeitung ‹Die Ostschweiz› zog 1894 einen Vergleich mit dem Theater St. Gallen: «Wir wollen gewiss den Leistungen unseres Stadttheaters in keiner Weise zu nahe treten; aber die Aufführungen durch eine Dilettantengesellschaft mit der Vorzüglichkeit, wie wir sie von den Wilern gewohnt sind, atmen ungleich mehr Frische, Wärme und Begeisterung.»

Mitentscheidend für den Erfolg beim Publikum war auch die 1876 gebaute Tonhalle. Dass das hohe Niveau auch Generationen später nicht nachgelassen hat, belegt eine Pressestimme von 1966: «Die Aufführung in Wil verdankt ihren Glanz und Erfolg: Erstens einem Orchester von 36 Instrumentalisten, die in Wil seit 250 Jahren die künstlerische Tradition fortsetzen, dem Berufsspieler im Können nachzukommen, ihn aber an Begeisterung, Erlebnisfreude und Theaterspielverbundenheit zu überspielen.»