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WIL: «Zuo Aeschen verprennt»

Ein Musical erzählt derzeit die Geschichte von Anna Göldi, die als letzte Hexe der Schweiz durch das Schwert eines Scharfrichters aus Wil starb. Dasselbe Schicksal erlitt im Jahr 1495 Adelheid Silber, die in Wil verbrannt wurde. Wohl vor Hunderten von Schaulustigen.
Ursula Ammann
Szenerie einer Hexenverbrennung: Die Vorwürfe, die man den Frauen machte, reichten vom Pakt mit dem Teufel über den unzüchtigen Umgang bis hin zu Schadenszauber. (Bild: Wilnet)

Szenerie einer Hexenverbrennung: Die Vorwürfe, die man den Frauen machte, reichten vom Pakt mit dem Teufel über den unzüchtigen Umgang bis hin zu Schadenszauber. (Bild: Wilnet)

Ursula Ammann

ursula.ammann@wilerzeitung.ch

Sie habe sich dem Teufel ergeben, mit diesem «leibliche Werke» gepflegt. Geschehen sei dies sogar im Keller des Totengräbers selig bei der Kirche St. Peter. Neben Männern habe sie auch die Kühe ihres früheren Nachbarn ver­zaubert, sodass diese keine Milch mehr gegeben hätten. Dasselbe habe sie mit dem Vieh anderer Leute gemacht.

Die Liste der Vergehen, die Adelheid Silber gestanden haben soll, ist lang. Festgehalten wurde das Gerichtsprotokoll mit den zahlreichen Anklagepunkten im Wiler Lotterbuch. «Dieses enthält die Fälle, in denen es um ­Leben und Tod ging», sagt Stadtarchivar Werner Warth. So war es auch bei Adelheid Silber. Sie starb auf dem brennenden Scheiterhaufen.

Adelheid Silber gestand unter Folter

Das Urteil fiel 1495, noch bevor die eigentlichen Hexenverfolgungen in Europa richtig begannen. Von «Hexe» ist in der An­klageschrift gegen Adelheid Silber auch nirgends die Rede. Wie die Historikerin Magdalen Bless-Grabher in einem ihrer Werke schreibt, entsprachen die Aus­sagen der Verurteilten aber «lehrbuchgemäss den stereotypen Vorwürfen», die man den «Hexen» machte: Pakt mit dem Teufel, unzüchtiger Umgang, Flüge durch die Luft und Schadenszauber in Bezug auf Wetter, Felder, Vieh und Menschen. Adelheid Silber soll denn auch gestanden haben, für diverse Hagelfälle verantwortlich gewesen zu sein. Des Weiteren sauste sie Berichten zufolge in einem Augenblick durch die Luft von ihrem Haus zu einem anderen Ort.

Magdalen Bless-Grabher schreibt von einem hochnot­peinlichen Verhör, in welchem die Geständnisse der Adelheid Silber zu Tage gefördert wurden. «Peinlich» bedeute in diesem Fall nicht «beschämend», sondern leite sich ab aus dem Wort «Pein» für Schmerz, erklärt Werner Warth. «Das heisst, dass die Angeklagte ihre Aussagen unter ­Folter gemacht hat.

Die Hinrichtung von Adelheid Silber fand am 9. April 1495 statt. Mit grösster Wahrscheinlichkeit sei sie aber nicht in der Altstadt vollzogen worden, sagt Werner Warth. Zwar sehe man histo­rische Ortskerne in Filmen oft als Schauplätze für Hexenverbrennungen, in Wil seien Todesurteile aber ausserhalb der Stadt vollstreckt worden. Auf dem Gerichtsplatz im Gebiet Neulanden und später beim Galgenrain hat der Scharfrichter geviertelt, gerädert, gehängt – oder das Feuer gezündet.

«Hinrichtungen waren in ­jener Zeit, als es noch keine ­Fernseher und Handys gab, die Attraktion», sagt Werner Warth. «Es gab Hunderte von Schau­lustigen.» Eine Weile lang sei es sogar üblich gewesen, die Schulkinder in die vorderste Reihe zu stellen. Zur Abschreckung.

Im Wiler Lotterbuch wur­den neben dem Geständnis von Adelheid Silber auch jene von gegen 70 Dieben, einem Dutzend Mördern, etwa 16 Sittlichkeitsverbrechern, von einzelnen Brandstiftern, Wiedertäufern und etwa zehn weniger bösartigen Delinquenten aufgeführt. Dies über eine Zeitspanne von 57 Jahren (1493 bis 1550). Die ausführliche Auflistung von Missetaten sei in Wil aber nicht «ewiglich» ein­gehalten worden, schreibt der Wiler Lokalhistoriker Karl J. Ehrat in einer Heimatchronik. «Oder weitere Bände sind wie so manche verloren gegangen.»

Im Lotterbuch, das erhalten geblieben ist, sind die Urteile den Einvernahmen nicht jedes Mal beigefügt worden. In 17 Fällen sprach das Hochgericht Tod durch Enthauptung, in 13 am Galgen und je in vier Fällen starben die oder der Verbrecher durch Wasser oder Feuer. Auch Adelheid Silber wurde gemäss Gerichtsprotokoll «im Für vom Leben zuo Tod ­gepracht und zuo Aeschen verprennt».

An das Schicksal der Verurteilten erinnert heute noch eine Gedenktafel im Gebiet Neulanden. Darauf heisst es: «Mensch, der du hier stehst, gedenke in einem Gebet der Hingerichteten.»

Scharfrichter aus Wil schlug bei Anna Göldi zu

Fast 300 Jahre nach Adelheid ­Silber wurde 1782 die letzte Hexe der Schweiz, Anna Göldi, zum Tod verurteilt. Deren tragisches Schicksal ist derzeit in einem Musical am Rheinfall in Neuhausen zu sehen. Die Glarnerin starb nicht im Feuer, sondern durch das Schwert des Scharfrichters Leonhard Vollmar aus Wil. Dieser wurde von seinem Sohn Franz Vollmar jun. begleitet, der das Handwerk erlernen sollte. Seit dem 15. Jahrhundert waren Mitglieder der Familie Vollmar als Scharfrichter tätig. Der Beruf vererbte sich stets vom Vater auf den Sohn.

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