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WIL: Zeugnis armenischer Kultur

Das Manesse Quartett spielte am dritten Baronenhauskonzert der Saison Musik aus drei Jahrhunderten. Darunter volkstümliche Weisen aus Armenien.
Carola Nadler
Am Sonntag konzertierte das Manesse Quartett im Baronenhaus. (Bild: Carola Nadler)

Am Sonntag konzertierte das Manesse Quartett im Baronenhaus. (Bild: Carola Nadler)

Carola Nadler

redaktion@wilerzeitung.ch

Die Gastgeber, Roland und Andrea Bosshart, zeigten sich erfreut über das grosse Publikum, das an diesem Sonntag den Salon des Baronenhauses füllte. «Und das trotz des vielfältigen musikalischen Angebots heute», erläuterte Roland Bosshart seine Sorgen im Vorfeld des Konzertes. Die Raumeinteilung hatte man geändert: Da der Flügel sehr viel Platz beansprucht, wurde das Streichquartett in den Nebenraum platziert und somit einer grösseren Zahl Zuhörern Gelegenheit für guten Sichtkontakt geboten.

«Es ist bereits ein Ritual, die Konzerte mit einem Gedicht zu eröffnen», sagte Bosshart weiter, «mal nachdenklich, mal stimmungsvoll.» Diesmal sei das Gedicht jedoch lustig, schmunzelte Andrea Bosshart und rezitierte das Spatzengedicht «In einem leeren Haselstrauch» von Christian Morgenstern.

Priester mit musikalischer Begabung

Cellistin Sibylle Bremi gab eine kurze Einführung in die sechs Streichquartettstücke von Komitas Vardapet. Der 1869 in der heutigen Türkei geborene Armenier erfreute sich als Priester dank seiner musikalischen Begabung einer umfangreichen Förderung seitens der armenischen Kirche. Er gilt heute als der Begründer der modernen klassischen Musik Armeniens. Ganz im Geiste seiner Zeit und Zeitgenossen wie Béla Bartók sammelte er Volksweisen seiner Heimat. Im Umfeld des Genozids am armenischen Volk durch das Osmanische Reich ging seine Arbeit aber weitgehend verloren. Er selbst überlebte zwar, erholte sich psychisch jedoch nicht mehr und verbrachte seinen Lebensabend in einem Sanatorium in Frankreich.

Teile seiner aufgefundenen Werke wurden vom Cellisten Sergei Aslamazyan für Streicherensemble arrangiert, sechs davon kamen am Sonntag im Baronenhaus zur Aufführung. Die volkstümlich geprägten Stücke thematisieren vor allem die Liebe, was sich in lieblichen oder sehnsuchtsvollen Melodien äussert. Die vier Musikerinnen des Manesse Quartetts gaben den Stücken plastischen Charakter, der einen lebendigen Einblick in die armenische Kultur bot.

Noch ganz in diesem Atem spielten Antonia Ruesch und Christine Baumann (Violine), Brigitte Maier Büchel (Viola) und Sibylle Bremi (Cello) daraufhin Haydns D-Dur Quartett aus den «Sonnenquartetten», die in der Musikwissenschaft konträr angesehen werden: Die Bewertungen reichen von «übersteigertem Radikalismus» bis hin zu «Durchbruch zur Meisterschaft». Diese Dichte und das Zitieren volkstümlicher Elemente rückte Haydn, auch durch die Interpretation des Manesse Quartetts, im Klangerleben durchaus in die Nähe des Armeniers und bereitete den Boden für Dvoráks «Amerikanisches Streichquartett». Für einmal wurde ein Haydn-Werk nicht zum «Warmspielen» benutzt, sondern erhielt einen Platz im sinngestaltenden Kontext eines Programms.

Das Spiel des Manesse Quartetts begeisterte durch satten Klang und eine lebhafte Dynamik – spontan erklang beim Schlussapplaus ein «Bravo».

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