WIL: Wo Rösch und Grüebler thronten

Die Äbtestadt beteiligt sich mit dem Hof zu Wil und dem Baronenhaus an den Europäischen Tagen des Denkmals. Thema ist diesmal «Macht und Pracht». Attribute, die den beiden Bauten durchaus eigen sind.

Ursula Ammann
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Ursula Ammann

ursula.ammann@wilerzeitung.ch

Abt Ulrich Rösch sitzt auf seinem Thron und schielt gedankenverloren in den Saal. So hat ihn der Maler Hans Haggenberg zwischen 1470 und 1480 für die Nachwelt festgehalten. Ziel war damals aber weniger, einen historischen Beleg zu schaffen, als vielmehr, die Herrschaft des Fürstabten kunstvoll zu zementieren. Das Gemälde, das eine Wand im Hof zu Wil ziert, zeigt Rösch zwar mit drei anderen Männern. Er selbst nimmt darauf jedoch die höchste Position ein, was als Zeichen von Macht gedeutet werden kann.

Um Macht geht es auch bei den diesjährigen Europäischen Tagen des Denkmals. «Macht und Pracht» ist das Thema, unter dem am 9. und 10. September die Türen zahlreicher Prunkbauten und anderer bedeutsamer Stätten für die Bevölkerung offen sind. Im Kanton St. Gallen beteiligen sich vier Ortschaften mit ihren Kulturgütern. Wil ist eine davon. Neben dem Hof zu Wil, der jahrhundertelang als Machtzentrum der Fürstäbte des Klosters St. Gallen diente, ist auch das Ba­ronenhaus mit von der Partie. Erbaut wurde der «Palast», der durch seine äusserst kostbare Innenausstattung besticht, von Reichsvogt Josef Pankraz Grüebler. Während der Fürstabt über das kirchliche Leben bestimmte, hatte Grüebler das Sagen in allen weltlichen Dingen. Er war zudem Vorsitzender des Hochgerichts in Wil. Durch seine Heirat mit Maria Theresia von Bayer im Jahr 1764 wurde er von Kaiser Josef II. zum Adligen erkoren. Wie der Hof zu Wil war auch das Ba­ronenhaus ein Ort, das durch seine prachtvolle Bauweise und Ausstattung die Macht seines Bewohners unterstrich.

Programm ohne kantonale Hilfe lanciert

Die Teilnahme der Äbtestadt an den Europäischen Tagen des Denkmals erfolgt heuer nicht auf Initiative der kantonalen Denkmalpflege, wie es noch im letzten Jahr der Fall war. Die Institution hat den Fokus diesmal auf St. Gallen, Rapperswil und Weesen gelegt. «Es wäre aber schade gewesen, wenn Wil nicht hätte mit­machen können, zumal das Baronenhaus und der Hof zu Wil das Motto Macht und Pracht sehr gut erfüllen», sagt Ruedi Schär, Leiter des Infocenters der Stadt Wil und Ortsbürgerrat. Deshalb organisieren die Stiftung Hof zu Wil, die Ortsgemeinde und die Stadt Wil nun ohne Unterstützung der kantonalen Denkmalpflege ein Programm. Dieses ist zusammen mit allen anderen landesweit stattfindenden Veranstaltungen in einer Broschüre festgehalten. Am Samstag, 9. September, und Sonntag, 10. September, läuft im Hof zu Wil und im Baronenhaus einiges. So gibt es mehrmals täglich öffentliche Führungen durch die historischen Bauten. Im Ba­ronenhaus bekommt das Publikum wertvolle Intarsien-Täfer und Wandmalereien zu sehen. Der Wiler Intarsienschreiner Hanspeter Strang wird dazu einen Vortrag halten.

Selber zum Farbmischer werden

Im Hof zu Wil erwartet die Besucherinnen und Besucher derweil ein Referat über historische Farben. Unter der Anleitung von Jürgen Knopp, Malermeister in Wil, können Interessierte bei einem Workshop selber Farben mischen. Auch Kinder müssen sich nicht langweilen. Im Malatelier von Erna Hürzeler dürfen sie sich künstlerisch austoben.

Ruedi Schär ist überzeugt: «Mit der Teilnahme an den Denkmaltagen strahlt Wil aus in die ganze Schweiz und sogar über die Landesgrenzen hinweg.»

Hinweis

Weitere Infos zu den Veranstaltungen an den Europäischen Tagen des Denkmals gibt es unter www.hereinspaziert.ch