«Wil West ist eine Riesenchance»: Parteienvertreter kreuzten die Klingen

Behördenapéro des Arbeitgeberverbands Südthurgau im Zeichen der Kantonsratswahlen. Wil West stand im Zentrum der Diskussion.

Hans Suter
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Die Podiumsteilnehmer: (von links) Curdin Huber (SVP), Harry Stehrenberger (FDP), Moderator Hansjörg Enz, Kurt Egger (Grüne) und Alex Frei (CVP).

Die Podiumsteilnehmer: (von links) Curdin Huber (SVP), Harry Stehrenberger (FDP), Moderator Hansjörg Enz, Kurt Egger (Grüne) und Alex Frei (CVP).

Bild: Hans Suter

«Ich habe das Gefühl, wir sind nur noch in den Wahlen», sagte Thomas De Martin am Mittwochabend in seiner Begrüssung zum Behördenapéro des Arbeitgeberverbandes (AGV) Südthurgau in Eschlikon. Den Thurgauer Kantonsratswahlen vom 15. März dürfe sich der AGV trotzdem nicht entziehen, schon gar nicht beim Behördenapéro, dem eine wichtige Scharnierfunktion zwischen Wirtschaft und Politik zukomme. «Wir müssen vielmehr das Bewusstsein schaffen, dass auf Ebene Kantonsrat viel Wichtiges entschieden wird», betonte der AGV-Präsident. Deshalb stünden die Wahlen trotz da und dort spürbarer Wahlmüdigkeit am gut besuchten Vernetzungsanlass des AGV im Vordergrund.

«Einfache Logik»

Als Form hat sich der Vorstand für ein Podium mit vier Teilnehmenden entschieden. Bei einigen nicht eingeladenen Parteien habe die Auswahl zwar für etwas Irritation gesorgt, wie De Martin darlegte. Dahinter stehe aber eine einfache Logik: «Wir haben die der Wirtschaft am nächsten stehenden drei Parteien eingeladen. Das sind CVP, FDP und SVP.» Als vierten Teilnehmer habe man sich für den im Herbst 2018 neu gewählten Hinterthurgauer Nationalrat Kurt Egger (Grüne) entschieden. Die eingeladenen Parteien schliesslich delegierten Alex Frei (CVP, Bezirksgerichtspräsident, Kantonsrat), Harry Stehrenberger (FDP, Geschäftsführer) und Curdin Huber (SVP, Amtsleiter Soziale Dienste). Sie alle kandidieren aktuell für den Kantonsrat. Als Moderator konnte der ehemalige Tagesschausprecher Hansjörg Enz gewonnen werden.

Begrenzungsinitiative: Alle gegen die SVP

Fünf Minuten Zeit – so viel stand jedem der vier Podiumsteilnehmer eingangs zur Verfügung, um sich und seine Partei thematisch zu positionieren. Alex Frei plädierte für die Auffassung «Umweltschutz ist Menschenschutz» und appellierte an ein intensives Zusammenwirken von Ökologie und Ökonomie. Die Standortentwicklung Wil West sieht er als «grosse Chance für den Hinterthurgau und die ganze Region». Harry Stehrenberger machte sich stark für die Freiheit, im Bewusstsein, dass Freiheit auch Eigenverantwortung bedeute. Dies gelte in allen Lebensbereichen: in der Bildung ebenso wie beim Umweltschutz, bei der Sicherung der Sozialwerke und dem Einhaltgebieten einer ausufernden Bürokratie. Wil West sieht als «unglaubliche Chance». Das Credo von Kurt Egger lautet «Umweltschutz und Nachhaltigkeit». Wil West sieht er indes kritisch und stellt das Bedürfnis in Frage. «Wil West ist eine Schuhnummer zu gross. Es wäre besser, mehr für das heimische Gewerbe zu tun.»

«Gute interkantonale Zusammenarbeit»

Curdin Huber (SVP) sieht die Lösung vieler Probleme in der Begrenzungsinitiative der SVP. Anstatt immer mehr Zuwanderung mit Begleiterscheinungen wie Wohnraumbedarf und Bezug von Leistungen aus den Sozialwerken zuzulassen, plädiert er für eine Begrenzung in diesem Bereich. Mit der Begrenzungsinitiative stand Huber aber alleine auf weiter Flur. Keiner der anderen Podiumsteilnehmer konnte diesem Begehren etwas Positives abringen. Wil West sieht Curdin Huber als «Beweis für eine gute interkantonale Zusammenarbeit».

Wil West im Zentrum der politischen Diskussion

Das Entwicklungsprojekt Wil West bekommt von allen Podiumsteilnehmern eine mindestens genügende Note. Auf einer Skala von 1 bis 10 bewertet Alex Frei dieses Grossprojekt unter Abwägung von Chancen und Risiken mit 7 bis 8. Kurt Egger als kritischster Betrachter gibt nur 6 bis 7 Punkte. Maximale 10 Punkte gab es von Harry Stehrenberger und von Curdin Huber.

Keinen weiteren Riesenparkplatz

Die grössten Diskrepanzen ergaben sich in der Frage, welche Unternehmen in Wil West angesiedelt werden sollen. Egger bemängelt, diese Frage sei bisher unbeantwortet geblieben, was bei Alex Frei die Sorge auslöst, Wil West könnte sich bei mangelnder Nachfrage zu einem x-beliebigen Gewerbepark entwickeln. «Was ich nicht will, ist ein Riesenparkplatz wie bei der Firma Von Rotz.»

Verkehrsentlastung in Siedlungsgebieten

«Wenn die Infrastruktur da ist, werden auch die Firmen kommen», äusserte sich Harry Stehrenberger zuversichtlich. Er gab zu bedenken, dass man sich in Unternehmen gewohnt sei, mit Verfügbarem zu kalkulieren und nicht mit etwas, das (noch)nicht vorhanden sei. Curdin Huber strich heraus, dass Wil West trotz der vielen neuen Arbeitsplätze auch zu einer Verkehrsentlastung in den Siedlungsgebieten führen werde. Einig waren sich alle Teilnehmenden, dass Arbeitsplätze an Ort besser seien als das tägliche Pendeln vom Wohn- zum Arbeitsort und dass der Ökologie grosse Bedeutung beigemessen werden soll. Kurt Egger glaubt allerdings nicht so recht daran, dass der Grossteil der künftig im Gebiet Wil West Arbeitenden auch in der Region Wohnsitz nehmen wird. Stehrenberg und Frei sind da weit zuversichtlicher.

«Irgendwann ist es genug»

Unterschiedlich kritisch beurteilt wird auch das «ewige Wachstum». Braucht es immer mehr Wachstum? «Wenn wir Wachstum am Bruttoinlandprodukt BIP messen: Ja», sagte Stehrenberger. Zugleich gab er zu bedenken, dass sich das Wachstum inhaltlich stark verändern werde: «Die nächste Generation definiert sich weit weniger über Besitztum als frühere Generationen.»

«Irgendwann ist es genug», warf Kurt Egger ein. «Manchmal ist weniger einfach mehr», sagte er und nannte als Beispiel die gesellschaftliche Unsitte des Wegwerfens von Lebensmitteln. Alex Frei pflichtete bei. «Irgendwo kommen wir an die Grenzen beim Wachstum.» Gut sehe man das bei den zunehmenden Staus im Strassenverkehr. «Wenn wir uns nicht mehr bewegen können, wird es schwierig, weil es uns blockiert.» Huber sieht auch hier die Lösung in der Begrenzungsinitiative: Weniger Zuwanderung bedeute weniger Belastung. Eine Aussage, die Stehrenberger mit «falsch» und Egger mit «Quatsch» quittierten.

5G zwischen Segen und Fluch

Leidlich streiten konnten sich die Podiumsteilnehmer auch bei der Frage, ob 5G nun ein Segen oder ein Fluch ist. «Ich kann die Angst oder das Unwohlsein in der Bevölkerung zwar verstehen», sagte Stehrenberger. «Doch das hatten wir schon bei 3G und 4G.» Für ihn ist 5G eine absolute Notwendigkeit; erwiesene Gefahren für die Gesundheit kann er nicht erkennen. Egger möchte endlich eine Studie sehen, die beweist, dass 5G nicht schädlich ist. Ebenso Frei. Huber ist gelassen: «Man hatte auch mal eine Riesenangst vor dem Internet.»