WIL: Wenn Weichen weichen

In der Nacht auf Samstag mussten am Bahnhof Wil gleich drei Weichen ersetzt werden. An ihnen hatte der Zahn der Zeit genagt. Ein Augenschein zeigt: Auch von Wind und Regen liessen sich die Arbeiter nicht abhalten. Dazu hatten sie schlicht keine Zeit.

Christof Lampart
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Christof Lampart

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Kurz vor 20 Uhr fegt am Freitag ein Sturm durch Wil. Der Wetterradar warnt nicht nur davor, ins Freie zu gehen, sondern untermalt die Aussage auch mit einem knalligen Rot auf dem Bildschirm. Doch ein Gleisarbeiter ficht so etwas nicht an. Im Grunde genommen stellt sich den Jungs mit stählernen Muskeln die Frage nach dem Wetter gar nicht, wenn von ihm keine akute Gefährdung ausgeht. Denn wenn es ihnen in der Regel an etwas mangelt, dann ist es weder das vorhandene Baumaterial, noch die verfügbare Ausrüstung, sondern schlichtweg Zeit.

Arbeiten, wenn andere schlafen

Ihr Zeitplan ist in der Tat stark getaktet. Denn zwischen Schotter und Schienen wird in der Regel dann geschuftet, wenn andere Menschen nach getanem Tageswerk ihr Haupt zur Ruhe legen. Das erklärt auch, warum der «Arbeitstag» für Gleisarbeiter klaren Beschränkungen unterworfen ist. «Wenn am Montagmorgen fahrplanmässig wieder alle Züge fahren, müssen wir spätestens so weit fertig sein, dass wir den Verkehr nicht mehr behindern», erklärt der örtliche Bauleiter Roger Seiler.

Klar gibt es das schon einmal, dass man auch tagsüber und am Wochenende arbeiten muss. Bahnreisende «bemerken» dies in der Regel jedoch nur dann, wenn für sie sich daraus Unannehmlichkeiten ergeben. Die Palette der Ärgernisse kann dann bei der Menge der auszuführenden Arbeiten im nationalen Schienennetz schnell einmal von einfachen Gleisänderungen über längere Reisezeiten bis hin zu Zugsausfällen reichen.

Auf dem Gleisabschnitt hinter «Kindlimann» ist eine Gruppe orange-weiss Gewandeter und Behelmter in klar definierten Schichten noch bis und mit dem 12. September damit beschäftigt, 8 der 70 Weichen, welche sich auf Wiler Boden befinden, auszuwechseln. Warum diese ersetzt werden müssen, ist für den Eisenbahnlaien nicht ohne weiteres ersichtlich, leuchtet jedoch argumentativ ein: Die SBB verfügen über eines der meistbefahrenen Bahnnetze der Welt. Und was einer intensiven Nutzung unterliegt, gehört regelmässig überprüft, gewartet und bei Bedarf ausgewechselt. Und bei diesen Weichen gibt es kein Vertun: Sie sind am Ende ihrer Liegenszeit.

Vieles wird recycelt

18 Meter. Für Gleisbauer dreht sich vieles um diese Massangabe. Denn sie kennzeichnet die Länge, in der die Gleisstücke auf ihre Qualität überprüft und bei Bedarf von einem Monsterspezialkran hochgehoben und entsorgt werden. Funken sprühen, wo die Männer mit dem Auftrennen der Gleise beschäftigt sind. Vier Kräftige fixieren einen Weichenmotor an einem Tragegestell und wuchten ihn über vier Schienen­stränge hinweg dorthin, wo scheinbar niemand auf das Altmetall wartet. Doch der Schein trügt. «Die SBB kontrollieren jedes Stück und verwenden alles, was möglich ist, wieder – so auch den Schotter. Denn Bahnmaterial ist teuer», sagt Seiler. Derweil fixieren die Arbeiter in gelassener Routine die Gleisjoche am Kran. Eine halbe Stunde und ein faszinierendes «Baumaschinen-Ballett» später sind sie weg und Geschichte. Der Regen hat mittlerweile aufgehört. Doch die Arbeiter scheinen davon, wenn überhaupt, kaum Kenntnis zu nehmen. Denn die Zeit drängt: Am nächsten Morgen sollen bereits die neuen Weichen eingebaut sein. Dann, wenn sie ins Bett gehen, und Wil wieder zum Leben erwacht.