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WIL: Von wegen Lärm: Wenn die Glocken läuten, öffnet er sofort sein Fenster

Fabian Thürlimann gilt als Glockenspezialist. Er selber sieht sich eher als Liebhaber von Kirchenglocken. Eine spezielle Beziehung hat der 36-jährige Rickenbacher zu den zwei grossen Glocken der Kirche St. Peter in Wil.
Tim Frei
Glockenspezialist Fabian Thürlimann in Kirche St. Peter Wil. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Glockenspezialist Fabian Thürlimann in Kirche St. Peter Wil. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Tim Frei

tim.frei@wilerzeitung.ch

Räder rattern im Turm der Wiler Kirche St. Peter. Sie bringen ein Kettennetzwerk in Bewegung, was eine Reihe von Reaktionen auslöst: Drei mehr als 900 Kilogramm schwere Glocken werden mit leichten Abständen hintereinander langsam in Bewegung gesetzt. Das dadurch erzeugte Geläut ist sehr laut und dringt bis ins Mark. In solchen Momenten schlägt das Herz des Rickenbachers Fabian Thürlimann höher – er ist ein Glockenliebhaber. Während des rund fünfminütigen Läutens ist sein Blick konstant auf die schwingenden Glocken fixiert. Seine Gesichtszüge lassen auf eine Mischung aus Konzentration und innerer Zufriedenheit schliessen. Was geht ihm dabei durch den Kopf? «Es berührt mich jedes Mal tief, wenn ich Glocken läuten höre. Alles andere tritt dann in den Hintergrund», sagt er und ergänzt: «Wenn ich sie aus meiner Wohnung höre, mache ich immer das Fenster auf.» Was ihm so gefällt an diesem Klang, kann er nicht beschreiben. «Gewisse Glockenklänge berühren mich einfach sehr, andere dagegen sprechen mich weniger an.»

Katholische Kirchgemeinde Wil bei der Läuteordnung beraten

Seit diesem Jahr hat die Katholische Kirchgemeinde Wil eine neue Läuteordnung. Fabian Thürlimann hat die Behörde als Berater unterstützt. Seither läutet die Glocke nicht an allen Tagen gleich. Ziel war es nämlich, mit unterschiedlichem Läuten auf kirchliche Festtage und Ereignisse hinzuweisen. Die Idee dazu kam von Thürlimann: «Ich fand es einfach schade, dass die Kirchenglocke nicht auch auf solche Ereignisse mit unterschiedlichen Geläuten hinweist.»

Das Glockenläuten wird seit längerer Zeit nicht mehr von Hand, sondern elektrisch per Schalter ausgelöst, der dann die Kettenräder in Schwung bringt. Doch wie kommt es letztlich zu unterschiedlichen Geläuten? «Der Klangcharakter einer Glocke ist gegeben, ausser man schleift diese mit einem Werkzeug. Das ist aber überhaupt nicht in meinem Sinn», schickt Thürlimann voraus. Die Variation entstehe durch die Kombination der Glocken: «Entscheidend ist, wann welche Glocke schlägt und wie viele Glocken läuten.» Nachdem er für die verschiedenen Ereignisse die passenden Melodien ausgewählt hatte, ging es darum, minutiös zu bestimmen, wann welche Glocke läutet. Thürlimann ist also nicht einfach «nur» ein Glockenliebhaber, sondern auch so etwas wie ein Glockenkomponist.

Viele, darunter Stadtpfarrer Roman Giger, bezeichnen den 36-jährigen Rickenbacher auch als Glockenspezialisten. Thürlimann sieht sich dagegen ganz bescheiden als «Glockenliebhaber» und spricht von einem «speziellen Hobby». Diese Bescheidenheit, deren Übergang zur Zurückhaltung bei Thürlimann fliessend ist, zeigt sich auch darin, dass er die Öffentlichkeit nicht sucht. Er hält sich für zu wenig wichtig und war anfänglich skeptisch, sich porträtieren zu lassen. Schliesslich willigte er ein, unter der Bedingung, dass nicht seine Person, sondern die Glocke im Vordergrund stehe.

Als Kind zeigte er beim Läuten immer auf die Kirche

Bereits als Kind begann Thürlimann, sich intensiv mit Glocken auseinanderzusetzen. Doch wie kommt ein nicht einmal Zehnjähriger zu so einem Hobby? Ob es dafür einen Auslöser gegeben habe, wisse er nicht, das Faszinosum sei einfach da gewesen. «Meine Grossmutter sagte mir später, dass ich – wenn die Kirchenglocken läuteten – blitzartig mit einer ausgestreckten Hand in Richtung Kirchturm von Gossau gezeigt habe.» Später brach er sofort zu einer Kirche auf, wenn es irgendwo zu läuten begann. Ein grosser Moment sei es für ihn gewesen, als er erstmals per Schalter die Glocken läuten durfte. Auch bei der Taufe seiner Cousine konnte er die Glocke bedienen. «So bin ich in dieses Hobby hineingewachsen.» Später sei er auf Glockenreisen durch die Schweiz gegangen – immer mit dabei hatte er ein Aufnahmegerät, um verschiedene Glockengeläute aufzunehmen. Dies hält er heute noch aufrecht: So reist er zu Glocken im Ausland, zum Beispiel in Österreich und Deutschland. «Auf diesen Glockensafaris lernt man sehr viel: Mein Wissen über Glocken habe ich über diese verschiedenen Erfahrungen und den Austausch sowie aus der Literatur erlangt und nicht durch Kurse, wie es sie in Deutschland gibt.»

Zu den Glocken der Kirche St. Peter hat Thürlimann eine ganz spezielle Beziehung. 1995, als zwei neue Glocken angeschafft wurden, um deren Zahl von fünf auf sieben zu erhöhen, konnte er vieles hautnah miterleben. Eigentlich musste er ein Buch in einer Buchhandlung für einen Schulvortrag ausleihen. Doch dann sah er per Zufall, dass noch Licht im Turm der Kirche St. Peter brannte. Während er dies erzählt, kann er sich sogar noch genau an das Datum erinnern: «Es war der 11. Dezember 1995, ein Montag.» Angekommen in der Kirche, erfuhr er von Hans Rechsteiner, dass sie am Freitag, 15. Dezember, nach Karlsruhe reisen würden, um beim Guss der zwei Glocken dabei zu sein. Ob er nicht mitkommen wolle, habe Rechsteiner ihn gefragt. Nachdem Thürlimanns Vater und auch der Schulleiter einverstanden waren, sagte er mit grosser Freude zu. Im Mai 1996, als die neuen Glocken von Kindern in den Turm der Kirche St. Peter hochgezogen wurden, war Thürlimann natürlich auch dabei. «Das war sehr spektakulär: Man muss sich das mal vorstellen, die grosse Glocke ist über 3600 Kilogramm schwer.»

Nicht nur der Glockenklang macht seine Faszination aus

Es berührt ihn, dass Glocken, die bis zu 900 Jahre alt werden können, eines der wenigen Instrumente sind, das noch gleich tönt wie vor über 500 Jahren. «Es ist wie ein Stück Mittelalter, das man heute immer noch hört.» Nicht nur der Klang, auch die religiöse Bedeutung von Glocken – Thürlimann selbst ist reformiert – macht für ihn die Faszination der Glocken aus. «Sie sind nicht nur ein hochkomplexes Musik-, sondern auch ein Kultinstrument. Nebst dem Altar sind sie in der katholischen Kirche der einzige Gegenstand, der nicht nur gesegnet, sondern auch geweiht ist.» Dadurch erhielten Glocken eine noch viel grössere Bedeutung. Sie gelten als «Stimme Gottes». «Das ist ganz klar ihr Auftrag.» So würden sie uns beispielsweise dazu aufrufen, in die Kirche zu gehen. «Ich habe jedenfalls wenig Verständnis für Leute, die sich über den Glockenlärm beklagen. Sie könnten ja einfach mal in die Kirche gehen, wenn die Glocken rufen oder darüber nachdenken, warum es läutet.» Hinzu käme, dass Kirchenglocken nur etwa zwölf Minuten – ohne spezielle Anlässe – am Tag läuten würden.

Acht Jahre lang war Thürlimann Lehrer. Dann wechselte er den Beruf: Seit vergangenem Dezember ist er SBB-Lokführer und fährt oft die Strecke St. Gallen–Zürich. Man mag es kaum glauben, aber am Ursprung dieses Wechsels stand auch seine Faszination für Glocken. «Als ich an einem Nachmittag in einen Zug gestiegen bin, habe ich den Lokführer gesehen. Wie es der Zufall wollte, ist er der Sohn eines Glockensachverständigen, den ich gut kenne. Wir tauschten uns anschliessend aus und schliesslich durfte ich mit in den Führerstand kommen. Das war ein faszinierendes Erlebnis.» Bei der Heimfahrt habe er dann gedacht: Was dieser mache, sei auch toll. Einen Monat später las Thürlimann in der Zeitung, dass die SBB zu wenig Lokführer habe. «Da sagte ich mir: Du musst es versuchen und dich bewerben.» Wahrscheinlich sei es ein Fingerzeig von oben gewesen, dass er den Beruf wechseln sollte. Kommt Thürlimann an einem Bahnhof an und hört die Glocken, reagiert er wie zu Hause: «Dann mache ich sofort das Fenster auf», sagt er mit strahlendem Gesicht.

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