WIL: Von Fahnen und Flaggen im Wind

Ein weisses Kreuz auf rotem Hintergrund: Diese Farben werden am morgigen 1. August wieder gehisst. Mit Stolz, glaubt der Fahnen- und Flaggenmacher Heinz Höhener. Er räumt mit einem Missverständnis auf.

Daniel Wallimann
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«Für Rot-Weiss schämt sich heute niemand mehr», sagt Fahnen- und Flaggenmacher Heinz Höhener. (Bild: PD)

«Für Rot-Weiss schämt sich heute niemand mehr», sagt Fahnen- und Flaggenmacher Heinz Höhener. (Bild: PD)

Auf dem Grill brutzelt der Cervelat. Und das Bier schmeckt am 1. August besser als sonst, weil die Schweiz ihren Geburtstag feiert und niemand zur Arbeit muss. Wenn man dann mit geschwellter Brust zum «Trittst im Morgenrot daher» anstimmt, wird hoch oben auf dem Säntis die markante Schweizer Fahne gehisst – «ein 640 Quadratmeter grosses und 700 Kilogramm schweres Tuch», sagt Heinz Höhener. Woran drei Näherinnen des Wiler Fahnen- und Flaggenmachers mit dem Namen Heimgartner tagelang werkelten.

Danach wird sie im Hotel Säntis auf der Schwägalp wieder weggesperrt, weil sich 2015 ein Unbekannter ein kreisrundes Stück als Souvenir herausgeschnitten hatte. Am Nationalfeiertag hat die Riesenfahne ihren grossen Auftritt. Streng genommen sei sie aber keine Fahne. «Sondern eine Flagge», sagt Heinz Höhener. Denn im Fachjargon heisst es, dass Flaggen per Leine gehisst und Fahnen direkt am Mast festgezurrt sind. «Landläufig sagt man ihr trotzdem Fahne», weil sich Flagge in der Deutschschweiz nie durchgesetzt hat. Jedenfalls nicht für dieses Vorzeigestück mit nationaler Ausstrahlung. In Deutschland dagegen trennt man die Begriffe strikte voneinander: «Da die Flagge zum Beispiel auf See weht, spricht man darum auch vom Flaggschiff», sagt Heinz Höhener. Und bevor ein Schiff dann in ein anderes Land verkauft werden kann, muss es ausgeflaggt werden. Weil die Fahne dagegen an Land steht, begehen Deserteure Fahnenflucht. Fahne entspringt aus dem Lateinischen: Fano bedeutet «Tuch». In der Schweiz sagt man allem Flaggenartigen, das im Wind flattert, «Drapeau». Der Begriff leitet sich von «drap» ab und bezeichnet im Französischen ebenso «Stoff» oder auch«Tuch».

Nicht mehr fünf gleich grosse Quadrate

Dieses Schweizer Stöffchen ist in seiner Form jedenfalls fast ein Unikat. Es gibt nur noch eine weitere quadratische Flagge auf der Welt: die des Vatikans. Die helvetische Quadratform war bislang zufällig gewählt. Seit dem 1. Januar dieses Jahres ist sie nun gesetzlich festgelegt. Ausserdem bestand das Schweizer Kreuz damals aus fünf gleich grossen Quadraten mitten in der quadratischen Fahne. Seit dem Jahr 1989 muss der aufrechte Arm um einen Sechstel länger sein als der Querbalken des Kreuzes. «Von blossen Augen schier nicht erkennbar.»

Aber das Schweizer Kreuz sieht trotzdem mehr wie ein Kreuz denn als ein Plus-Zeichen aus. Vor dem Hintergrund, dass die Schweiz bereits mehr als 700-jährig ist, ist ihre Fahne jung: Erst in der Verfassung von 1848 wurde das weisse Kreuz auf rotem Grund offiziell als Staatsfahne festgelegt. Trotzdem war das Kreuz schon bei den wackeren Eidgenossen beliebt: Es tauchte bereits im Jahr 1513 auf.

Beliebt sei es auch heute noch. «Schweizerinnen und Schweizer sind wieder stolz», sagt Heinz Höhener, «und bekennen Farbe.» Das sei lange nicht mehr so gewesen.