WIL: Vom Waisenhäusler zum Unternehmer

Robert Mayer startete mit denkbar schlechten Chancen ins Leben. 1911 als Sohn eines Ravensburger Einwanderers und Bahnangestellten geboren, wurde er nach dem Tod der Eltern schon früh Vollwaise und erlebte eine karge Zeit im Wiler Waisenhaus.

Fabian Brändle
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Ein Foto von Robert Mayer aus seiner Schulzeit. (Bild: PD)

Ein Foto von Robert Mayer aus seiner Schulzeit. (Bild: PD)

WIL. Waisenhäuser sind in den letzten Jahren ins Gerede gekommen. Ob privat, kirchlich oder behördlich geführt, in vielen Institutionen litten die Kinder unter Demütigungen, Schlägen, harter Arbeit, schaler Kost und manchmal sogar unter sexuellen Übergriffen. Schon früh kritisierten ehemalige Insassen, wie der Berner Journalist, Publizist und «Philosoph von Bümpliz» Carl Albert Loosli (1877–1959), die unhaltbaren Zustände und die teilweise sadistisch veranlagten Heimleiter. Doch nicht nur das Personal, sondern auch die Kämpfe untereinander belasteten die Kinder schwer. Der brutalste oder der intriganteste Bub gab in der Regel den Ton an, Aussenseiter wurden von der Meute gequält. Und wie ihre Schicksalsgenossen, die sogenannten Verdingkinder, wurden auch die Heimkinder in der Schule von ihren Mitschülern gehänselt. So erstaunt es nicht, dass viele ehemalige Heimkinder am Leben scheiterten und, psychisch leidend, als Hilfsarbeiter oder Knechte ein bisweilen armseliges Leben fristen mussten.

Ein mühsamer Lebensbeginn

Auch Robert Mayer wusste ein Lied von den Zuständen im von Ingenbohler Schwestern geführten Wiler Waisenhaus zu erzählen. Im Jahre 1911 als Sohn eines Ravensburger Einwanderers und Bahnangestellten geboren, wurde er nach dem Tod der Eltern – der Vater war bereits 1914 im Krieg umgekommen, die Mutter starb 1918 – schon sehr früh Vollwaise. Tagwache war um sechs Uhr morgens. Nach dem gemeinsamen, im Knien verrichteten Morgengebet gab es das karge Frühstück. Dann hiess es, die anfallenden Arbeiten zu verrichten. Ein «Zvieribrot» nach der Schule gab es nicht. Das Essen war ohnehin, in den Worten Mayers, namentlich in den Jahren nach 1918 «sehr, sehr bescheiden», bestand aus dünner Suppe, Wasserreis und verdünnter Milch. Dies änderte sich, als der Fensterfabrikant Gustav Schär Bürgergutsverwalter wurde und seine Frau die Kinder besser bekochen liess. Manchmal hatten auch liebe Stadtbewohner Mitleid und schenkten den älteren, stets hungrigen Buben ein «Wursträdli» oder eine Süssigkeit.

Die knapp bemessene Freizeit nutzten die Kinder für Spiel und Spass. Sie tummelten sich auf der Eisbahn, obwohl sie kein Geld besassen. Dafür kannten sie jedes Schlupfloch und entgingen somit den Kontrollen des Personals. Vom Vater eines Schulfreundes, einem Küfer, erhielt Robert zwei alte Fassdauben, die er zu einem Paar Ski umfunktionierte. Vom Schultornister schnitt Mayer die Tragriemen ab, die er als Bindung verwendete.

Robert Mayer war ein guter, aufgeweckter Schüler. Die «Waisenhäusler» hielten zusammen wie Pech und Schwefel, liessen sich nicht jede Gemeinheit gefallen. Nach der Schule arbeitete Mayer zuerst als Hausbursche in einer Tessiner Pension. Im Jahre 1928 begann der junge Mann eine Schreinerlehre in Wilen. Er wohnte in einem kleinen, kalten Dachzimmerchen. Die Arbeit war streng, Pausen gab es kaum, die Kost war wieder knapp bemessen. Doch hielt Robert durch und bestand die Lehrabschlussprüfung mit guten Noten. Er liebte den erst kürzlich bekanntgewordenen Fussball und «tschuttete» mit seinen Freunden. Das Dorfleben von Wilen bot damals den Jungen wenig Abwechslung. So war die Fasnacht ein Höhepunkt im Jahresablauf. Auch Wallfahrten besuchte man gerne. Nach der Rekrutenschule im Jahre 1931 auf der Luziensteig kehrte Mayer kurz ins Bürgerheim zurück. Seine erste Stelle fand der Schreinergeselle in Allschwil bei Basel. Er freute sich ob seines Lohnes (1.40 Fr./Stunde), fühlte sich wie ein König, «war ich doch bisher wie ein Armehüsler durch die Welt gewandert». Nun ging er manchmal auswärts essen, auch Fleisch, gönnte sich manchmal ein Bier, kaufte sich ein Militärvelo. Damit radelte er zusammen mit seinem besten Freund bis nach Rom.

Während der Weltwirtschaftskrise in den «hungrigen» 1930er-Jahren waren offene Stellen rar, so dass sich der oft arbeitslose Mayer immer wieder an neuen Arbeitsplätzen zurechtfinden musste. Besonders gefiel ihm die Arbeit als Skischreiner.

Nach seiner Heirat mit der polnischstämmigen Klara kehrte Mayer 1936 nach Wil zurück, wo er eine geregelte, sichere Arbeit in der Psychiatrischen Klinik fand. Die Arbeit mit den Patienten gefiel Mayer sehr gut. Der Werkstoff Holz gefiel den Geplagten, die eine sinnvolle Arbeit verrichten konnten. Dabei war Fingerspitzengefühl seitens von Mayer gefragt.

Der Durchbruch zum Unternehmer

Mayer beobachtete den Aufstieg des Faschismus sorgenvoll. Er stand für die Ideen des Landesrings der Unabhängigen ein, interessierte sich auch für die Idee des «Schwundgeldes» von Silvio Gesell, das die Arbeitslosigkeit bekämpfen sollte. Während des Kriegs leistete Mayer als Korporal lange Zeit Aktivdienst. Er hatte Angst vor dem Krieg, war aber auch bereit, den Nazis mit allen Mitteln Widerstand zu leisten. Mayer engagierte sich auch sozial für notleidende Familien. Nach dem Krieg machte sich Robert Mayer selbständig und baute ein eigenes Haus. Die Familie gedieh. Mayer hatte Freude an Radtouren durch die Schweiz, konnte sich sogar Winterferien in Davos leisten. Er wurde alt, Grossvater und genoss seinen wohlverdienten Ruhestand. Aus dem Waisenhäusler war ein erfolgreicher, glücklicher Mann geworden.

Mayer hat über sein Leben ausführlich geschrieben. Sein Buch «Meine Abenteuer» ist im Jahre 2005 im Christiana-Verlag, Stein am Rhein, erschienen.