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WIL: Verwirrende Suche nach Realität

Das Stück «Vater» des Erfolgsautors Florian Zeller brachte das Thema Demenz auf die Bühne der Tonhalle. Und dies durchaus mit einem humorvollen Unterton, ohne dabei je in Zynismus abzugleiten.
Carola Nadler
Das Stück «Vater» von Florian Zeller ist gespickt mit Episoden aus dem Leben eines an Demenz Erkrankten. (Bild: Carola Nadler)

Das Stück «Vater» von Florian Zeller ist gespickt mit Episoden aus dem Leben eines an Demenz Erkrankten. (Bild: Carola Nadler)

Es ist dieses Thema mit der Armbanduhr. Mal kurz zur Seite gelegt – aber wo ist sie dann? Wann kommt der Zeitpunkt, an dem der erste Verdacht geschöpft wird, der «Point of no Return»? Wenn die Pflegerin verdächtigt wird, die Uhr gestohlen zu haben? Wenn der Schwiegersohn gefragt wird, ob es seine eigene ist, die er am Handgelenk trägt? André macht all diese Stationen durch, navigiert geschickt mit Ausreden um die Klippen der Vergesslichkeit und spürt doch, dass ihm die Kontrolle mehr und mehr entgleitet. «Irgendetwas stimmt hier nicht»: Wenn die Möbel plötzlich an anderen Orten stehen, wenn die Pflegerin täglich wechselt, wenn der Besuch der geliebten, aber längst verstorbenen Tochter sehnlichst erwartet wird.

Durchaus beklemmende Momente, die einen als Zuschauer, aber auch als Angehöriger sprachlos, ratlos innehalten lassen. Denn auch für Angehörige ist das Thema Demenz eine Zerreissprobe: Wie mit den Verdächtigungen umgehen, mit der Entfremdung und der zunehmenden Hilflosigkeit – wenn der Vater plötzlich ein Gute-Nacht-Lied wünscht? «Du hättest ihn sehen sollen», klagt die Tochter Anne ihrem Partner, der aussen vor steht und die Situation versucht, analytisch einzuordnen.

Was ist die richtige Realität?

Florian Zeller spickte sein Stück «Vater» mit kleinen Episoden aus dem Leben mit einem Demenzerkrankten, die uns schmunzeln lassen. Der Tick mit der Uhr wird zum Running Gag. Lässt sich nur so das Beklemmende, Unausweichliche ertragen?

Das eigentlich Geniale ist jedoch die Erzählperspektive: Der Zuschauer bekommt keinen klaren roten Faden vorgesetzt, sondern sieht sich selbst mit der Herausforderung konfrontiert, Bruchstücke zusammenzusetzen, das Gesamtbild zu suchen. Diese Schauspielerin – die spielte doch vorhin noch eine Pflegerin, warum ist sie jetzt..., und Moment, geht die Tochter jetzt nach London oder lebt der Vater bei ihr und ihrem Partner – zuletzt, wenn man bereits aufgegeben hat, erkennt man, quasi in einem letzten Aufflackern von Klarheit, dass die erste Szene der Realität – welcher Realität? – entspricht: Die Tochter wird nach London gehen. Sie ging schon vor Wochen und brachte ihren Vater in ein Heim. So steht auch diese wiedergefundene «Realität» auf tönernen Beinen, denn das Zeitempfinden hat sich verselbstständigt.

Ernst-Wilhelm Lenik und Irene Christ von der Schauspielbühne Stuttgart erzählten authentisch in einem fast gläsernen Bühnenbild von den beängstigenden Alltagsbegebenheiten in einer von Demenz betroffenen Familie. Im Vorfeld der Aufführung gab Stephan Goppel, Leitender Arzt im Altersbereich der Psychiatrischen Klinik Wil, einen fachlichen Input zum Thema Demenz. Darin stellte er kurz die drei Stufen der Demenz vor. Zu den Symptomen zählen vor allem Gedächtnis- und Orientierungsstörungen. Aber auch Probleme mit den Exekutivfunktionen, die den Ablauf von Handlungsschritten steuern, erschweren das Leben zunehmend. Doch solche Funktionsschwächen seien nicht immer ein Zeichen von Demenz. Der erste Schritt zur fachlichen Abklärung sei zwar schwer, aber letztlich könne nur so beste Unterstützung für Betroffene und Angehörige erreicht werden.

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