«Der Entschluss ist nicht nachvollziehbar»: Das sagen Ostschweizer Schulen zur Verbannung von drei Weihnachtsliedern von der Wiler Adventsfeier

Wie gehen Schulen in der Region Wil, wo die verschiedensten Religionen praktiziert werden, mit Weihnachten um?

Rosa Schmitz
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In der Adventszeit kommt es immer wieder zu Diskussionen, welchen Platz Weihnachten an den Schulen einnehmen soll, darf, muss.

In der Adventszeit kommt es immer wieder zu Diskussionen, welchen Platz Weihnachten an den Schulen einnehmen soll, darf, muss.

Symbolbild: Donato Caspari

Die Diskussion hat in den letzten Tagen grosse Wellen geworfen. Am Dienstag machte die Gratiszeitung «20 Minuten» eine E-Mail publik, die die Schulleitung des Mattschulhauses an ihre Lehrer verschickt hatte. «Aus Rücksicht gegenüber anderen Kulturen und Religionen» werden an der diesjährigen Adventsfeier auf das Singen der Weihnachtslieder «Fröhliche Weihnacht überall», «Go Tell It To The Mountain» und «S grööschte Geschänk» verzichtet, hiess es darin. Die Reaktionen folgten auf dem Fusse.

Schulleitung trifft Entscheidungen sorgfältig

Jutta Röösli, Stadträtin Wil, 20. März 2019 (PD)

Jutta Röösli, Stadträtin Wil, 20. März 2019 (PD)

Bild: PD

Die Wiler Stadträtin und Schulratspräsidentin Jutta Röösli, die erst kurz vor der Berichterstattung von der Situation erfahren hatte, wurde am Dienstag von Journalistenanfragen regelrecht überrannt. Auf Anfrage sagte sie: «Wir bedauern es sehr, wenn sich jemand von dem Entscheid vor den Kopf gestossen fühlt.» Sie wisse aber, dass die Schulleitung ihre Entscheidung stets sorgfältig treffe. Aufgrund verschiedener Reklamationen wurde in den vergangenen Jahren im konkreten Fall über die Ausgestaltung der Weihnachtsfeier beziehungsweise über ein ausgewogenes Liederprogramm intern Diskussion geführt. Klar ist: Das Thema Religion ist ein Spannungsfeld.Jutta Röösli sagt:

«Wir dürfen keine religiösen Gefühle verletzen.»

Bei der Auswahl der Lieder werde sorgfältig vorgegangen. Einige Lieder seien – in Abwägung verschiedener Faktoren – gestrichen worden, aber andere wie zum Beispiel «Stille Nacht» würden an der diesjährigen Feier gesungen.

Stefan Chiozza, Leiter Bildung der Stadt Wil.

Stefan Chiozza, Leiter Bildung der Stadt Wil.

Bild: PD

Stefan Chiozza, Leiter Bildung der Stadt Wil, sagt: «Es wurden keine Lieder verbannt, sie wurden lediglich durch andere Weihnachtslieder ersetzt.» Jetzt stellt sich die Schulverwaltung jedoch die Frage, ob dieses Vorgehen zu übervorsichtig war. Das Thema wird an der nächsten Sitzung der Schulleitung besprochen. «Die christliche Kultur ist auch an den Wiler Schulen die Leitkultur», sagt Chiozza. Die entsprechenden Werte würden den Schulalltag prägen.

«Im St.Galler Volksschulgesetz ist festgehalten, dass die Volksschule nach christlichen Grundsätzen geführt wird. Das ist damit auch für uns der Grundsatz.»

So werde die Adventszeit auch in Zukunft in den Schulhäusern eine besondere Bedeutung haben. Weihnachtsfeiern mit Liedern, Texten und Theatern seien ebenfalls ein wichtiger Bestandteil des Jahresprogramms. «Einzelne Schulen begehen ihre Weihnachtsanlässe zusammen mit allen Kindern unterschiedlichen Alters. Andere feiern in den Klassen. Sie gestalten dies gemäss ihren Gepflogenheiten», sagt Chiozza. Andere religiöse Festtage würden grundsätzlich nicht gefeiert, könnten aber thematisiert werden – zum Beispiel im Fach «Ethik, Religionen und Gemeinschaften».

Entschluss soll nicht nachvollziehbar sein

Ähnlich sieht es an anderen Schulen in der Region aus. «Wir haben sehr viele Kinder aus verschiedenen Kulturen in unserer Schule», sagt Stephanie Schildknecht, Schulleiterin der Primarschule Rickenbach. «Aber wir leben in einer christlichen Kultur. Viele freie Tage an unserer Schule hängen von christlichen Feiertagen ab. Kinder anderer Religionen haben aber die Möglichkeit, an ihren religiösen Festen teilzunehmen.» Der Entschluss der Primarschule in Wil, drei Weihnachtslieder zu verbannen, könne weder Schulbehörde noch Schulleitung oder Lehrerschaft nachvollziehen. Es gehe beim Weihnachtenfeiern nicht darum, religiöse Gedankengut überzustülpen, sondern die abendländische Kultur zu pflegen. Zudem werde das Fest im Lehrplan 21 erwähnt.

Aus der Sicht und Erfahrung des Flawiler Schulpräsidenten Christoph Ackermann, ist es «normal», dass eine Schule für ihre Weihnachtsfeier eine Auswahl an Weihnachtsliedern trifft. Dafür sollten die Kriterien aber thematischen Ursprunges sein und nicht auf Überlegungen beruhen müssen, wem sie ge- oder missfallen könnten. Zudem müsste diese Diskussion unbedingt intern ausgetragen werden können. «An der Schule Flawil finden verschiedenste Advents- und Weihnachtsanlässe in den Klassen und Schulhäusern statt», sagt er. «Diese können vom offenen Singen über das Weihnachtskonzert der Musikschule in der Kirche bis zum Krippenspiel, dem Basteln und Verkaufen für und am Adventsmarkt, dem Schmücken des Schulhauses bis hin zum täglichen Adventsritual reichen.» Die Auffassung, die Schule müsse sich an den verschiedenen Religionen, die in der Region praktiziert werden, anpassen, hat Ackermann nicht.

«Es ist nicht nur ein Thema von Religion»

Auch der Uzwiler Schulratspräsident Daniel Wyder sieht keinen Anpassungsbedarf. «Zwar ist grundsätzlich darauf zu achten, die Religionsfreiheit zu gewähren», sagt er. «Aber im Lehrplan ist verankert, dass die Schule von christlichen, humanistischen und demokratischen Wertvorstellungen ausgeht. Daher werden die Bräuche und Feste in unserem Land nach wie vor behandelt.»

Freddy Noser, Schulleiter der Oberstufe Sproochbrugg in Zuckenriet und Präsident vom Schulleiterverband, sagt: «Natürlich hat jede Schule eine Verantwortung, die Religionen und Traditionen anderer zu respektieren. Aber sie müssen keine Kompromisse in Bezug auf ihre eigenen Werte eingehen, um dies zu tun.» Immerhin würden wir in einer christlichen Gesellschaft leben, wo das Feiern von Weihnachten ein grosser Teil davon ist, was uns ausmacht. «Es ist nicht nur ein Thema von Religion, sondern auch von Tradition.» Insgesamt findet er die ganze Diskussion überbewertet. Als Schulleiter weiss er, dass es weitaus Wichtigeres zu besprechen gibt – zum Beispiel: Bekommen alle Kinder aus allen Lebensbereichen eine gute Ausbildung? «Man muss alles in Relation setzen», sagt er. «Drei Weihnachtslieder sind nicht wirklich ein Problem.»