WIL: «Tragen Sie gerne Korsett?»

Neun Jahre seines Lebens verbrachte Komponist Richard Wagner in Zürich. Über seine Zeit in der Schweiz wird in diesem Sommer in Wil ein Film gedreht – mit einheimischen Statisten.

Carola Nadler
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In der Tonhalle werden die Bewerberinnen und Bewerber für die Statisterie des Richard-Wagner-Filmes fotografiert. (Bilder: Carola Nadler)

In der Tonhalle werden die Bewerberinnen und Bewerber für die Statisterie des Richard-Wagner-Filmes fotografiert. (Bilder: Carola Nadler)

Richard Wagner gehört nach Deutschland. Bayreuth, König Ludwig und seine Schlösser. Vielleicht noch Venedig. Aber die Schweiz? Ganze neun Jahre hatte der Komponist in Zürich gelebt, in der Villa Wesendonck hoch über dem Zürich See. Provinziell kam es ihm dort vor, doch ihm blieb keine Wahl: In der 1849erRevolution hatte er laut gegen den König aufbegehrt und musste fliehen.

Besonders brav gestaltete er sein Leben in Zürich jedoch nicht – Opium als bewusstseinserweiternde, sprich inspirierende Droge war en vogue und mit der Treue hielt er es auch nicht besonders. Immerhin legte Richard Wagner in dieser Zeit den Grundstein für seine grossen Opern: gross an Bedeutung, gross aber auch an Umfang. Vier Abende für 14 Stunden Musik.

Damen und Herren mit viel Haar gesucht

«The Zurich Liaison, Filmaufnahmen in Wil, Statisten gesucht», hiess es in einer kürzlich rundgesendeten Mail von Florence Leonetti, künstlerischer Leiterin der Tonhalle Wil. «Damen: Jedes Alter ist gesucht, das Haar bitte mindestens schulterlang.» Denn es soll in der Mode der 1850er-Jahre frisiert werden: strenger Mittelscheitel und dann Aufbauten, was das Haar hergibt. Bei den Männern ist auch jedes Alter gerne gesehen, mit dem Vermerk: «Möglichst viel Haar wäre super». Zwei Wochen lang will Produzent und Regisseur Jens Neubert in Wil drehen, in der Altstadt und in der Tonhalle.

Rund 90 Interessierte haben sich für das Casting angemeldet, die einzelnen Drehtage konnten im Onlineformular bereits ausgewählt werden. Diese werden auch von Florence Leonetti beim Einchecken zum Casting-Termin überprüft. «Tanzen Sie gerne Walzer?», fragt sie, denn für eine Tanzszene werden Tänzerinnen und Tänzer gesucht. Einen ganzen Tag lang Walzer tanzen – in Korsett und Krinoline.

Schon fast ein Ehemaligen-Treff

Für die Mitwirkenden des Musiktheaters Wil ist dieser Casting-Termin fast schon ein Ehemaligen-Treff. Sie sind sich das Bewegen in diesen Kleidern seit der Aufführung der «Regimentstochter» gewohnt und so stehen auch einige der Chordamen an, um sich fotografieren und ausmessen zu lassen.

Kopfumfang für die Perücke, falls die Haarlänge oder -fülle nicht ausreichen sollte, Brust und Taille, Schuhgrösse. «Tragen Sie gerne Korsett?», fragt die Dame mit dem Pelzhut mit französischem Akzent, die Mass nimmt. Diese Art Korsett erfordert eine andere Art der Atmung – und plötzlich ist es gar nicht mehr so abwegig, warum die Damen damals so oft in Ohnmacht fielen.

Im Nebenraum nimmt Myrtha Dudler vom Tonhallen-Team ebenfalls Mass und diktiert der Assistentin des Castingteams die Masse in den Laptop. «Was für ein Aufwand», meint eine der Anwärterinnen. Und das allein nur für die Statisten – man wird sich solche aufwendigen Kostümfilme, Filme generell mit viel Volksaufmarsch, in Zukunft mit einem ganz anderen Bewusstsein ansehen.

«Dornröschen» geläufiger als «Kostümfilm»

Auf den Stufen zum Theatercafé sitzen ein paar Kinder. Der Begriff «Kostümfilm» sagt ihnen nichts, aber mit «Dornröschen» können sie sehr wohl etwas anfangen. Ein Mädchen kichert, als sie gefragt wird, ob sie sich vorstellen kann, die Mutter in so einem Kleid zu sehen. Richard Wagner in Wil? Alles ist möglich.