Wil statt South Carolina

Der 19jährige Andrew Brown lebt in den USA. Um sich vor dem College eine Auszeit zu nehmen, arbeitet er seit August in der Wiler Tagesschule Kits. Statt wie gewohnt Lacrosse zu spielen und an Computern zu basteln, spielt er mit Kindern.

Stefan Etter
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Andrew Brown spielt und lernt mit Kindern. Im Herbst will er am College in den USA Informatik studieren. (Bild: Stefan Etter)

Andrew Brown spielt und lernt mit Kindern. Im Herbst will er am College in den USA Informatik studieren. (Bild: Stefan Etter)

WIL. «Montag ist hier ein eher ruhiger Tag», sagt Andrew Brown. Zusammen mit zwei Buben hat es sich der Amerikaner auf einem flauschigen Teppich gemütlich gemacht und spielt eine Art Dominospiel. In aller Ruhe wird darum gewürfelt, welche Karte aufgedeckt werden dürfen. Danach zählt Brown geduldig mit den Kindern die Anzahl Marienkäfer zusammen, die jeder Spieler ergattern konnte. «Am Donnerstag gibt es mehr Action. Da knallen die Autos schon mal gegen die Wand.»

Seit August absolviert der 19-Jährige, der aus dem amerikanischen Bundesstaat South Carolina stammt, einen Sozialeinsatz in der englischsprachigen Kits Tagesschule in Wil – von Unter- bis Oberstufe. «Ich wollte nach der Highschool einfach einmal eine Auszeit nehmen», sagt Brown. Zudem sei er damals noch nicht sicher gewesen, in welchem Fachgebiet er am College studieren möchte. «Doch ich wollte die Zeit sinnvoll überbrücken.» So sei es ein langgehegter Wunsch von ihm gewesen, nach Europa zu verreisen. «Deshalb habe ich mich im Internet über Austauschprogramme informiert und mich beim International Cultural Youth Exchange beworben.»

Mutter hat Babysitterdienst

Der International Cultural Youth Exchange ist eine Non-Profit-Organisation, die weltweit Sozialeinsätze in Kindergärten, Schulen, Alters- und Behindertenheimen oder Jugendherbergen anbietet. «Meine Schwester und meine Mutter bieten seit drei Jahren einen Babysitterdienst an. Dort habe ich auch schon ausgeholfen. Deshalb weiss ich, dass ich Kinder gerne habe und auch gut mit ihnen umgehen kann.» Und das muss er auch, ist er doch von Montag bis Donnerstag mit den Schülern am Spielen oder im Geschichtsunterricht und in der Naturwissenschaft behilflich. «Ausserdem helfe ich in der Küche und beim Hausputz mit. Die Arbeit macht mir wirklich Spass.»

Seine Zukunft sieht Brown aber nicht im sozialen Bereich – und dies nicht etwa darum, weil er derzeit «nur» 200 Franken pro Monat als Taschengeld erhält. «Wenn ich zu Hause bin, werde ich mich für ein Informatikstudium im Softwarebereich einschreiben.» Mit 13 Jahren habe er zum ersten Mal im Innenleben eines Computers herumgebastelt. «Später habe ich meinen ersten Computer zusammengebaut Heute interessiert mich die Entwicklung von Softwareprogrammen.» So habe er bereits eine Idee für eine App entwickelt. «Sie funktioniert ähnlich wie Facebook. Aber mit Musiktiteln.» Doch das ist derzeit Zukunftsmusik, vorerst bleibt Brown in der Tagesschule.

Im Herzen Europas

Doch weshalb hat er sich gerade für ein Projekt in Wil entschieden, wenn ihm die ganze Welt offen steht? «Die Schweiz ist ein vielseitiges Land. Zudem liegt es mitten im Herzen Europas, von wo aus man auch andere Länder bestens bereisen kann.» Und dies habe er auch bereits getan. So sei er bereits in Italien, Irland und Deutschland gewesen. In der Schweiz war Brown bisher in Luzern, auf der Rigi, in Biel, Zürich, St. Gallen und auf dem Säntis. «Die Schweiz gefällt mir», sagt Brown. «Das öffentliche Verkehrssystem funktioniert. Das kenne ich aus den USA nicht.» Auch die vielen alten Häuser seien beeindruckend. «Genauso wie eure Demokratie, die um einiges demokratischer ist als unsere.»

Da der Europaaufenthalt von absehbarer Zeit sei, vermisse er hier wenig bis gar nichts. «Ich habe hier in Wil und in St. Gallen einige Schweizer Freunde gefunden, mit denen ich meist meine Freizeit verbringe», sagt Brown. Aber nicht mit dem Hockey ähnlichen Sport Lacrosse, dem er in den USA nachgeht. «Ich führe tolle Gespräche und kenne bereits einige gute Restaurants und Bars.» Seine Freunde müssen sich derzeit mit ihm aber noch auf Englisch unterhalten. «Ich spreche fast den ganzen Tag nur Englisch, deshalb verstehe ich noch nicht so gut Deutsch.»

Neue Gastfamilie gesucht

Dafür umso besser mit seinem Umfeld – dazu gehört auch die Wiler Gastfamilie, bei der er lebt. «Allerdings möchte sich die Gastmutter beruflich neu orientieren und selbständig werden. Deshalb kann sie künftig keine Gäste mehr aufnehmen.» So ist Brown auf der Suche nach einer neuen Gastfamilie. «Bis ich diese gefunden habe, darf ich natürlich hier bleiben.» Sicher ist, dass er noch vor dem Nationalfeiertag (4. Juli) und vor dem Studienbeginn nach Hause zurückkehrt. «Im Juni möchte ich aber noch ein wenig Europa bereisen.»