Kommentar
Alkoholverbot am Bahnhof: «Wil sind wir» muss für alle gelten

Kein Alkohol mehr auf dem Bahnhofareal. Das ist die Forderung von SVP-Stadtparlamentarier Erwin Böhi. Angesichts des Rufs, den der Bahnhof Wil über die Stadtgrenzen hinaus geniesst, scheint dies folgerichtig. Der Lösungsansatz für ein gesellschaftliches Problem, den Böhi wählt, verdient jedoch seinen Namen nicht.

Gianni Amstutz
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Gianni Amstutz

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Das Ziel des Alkoholverbots ist einzig, die Stadt Wil in einem besseren Licht zu präsentieren. Ohne es auszusprechen, ist klar, dass Böhi dabei die Alkoholabhängigen ins Visier nimmt, deren Szene sich jeweils am Bahnhof trifft. Unter dem Vorwand der erhöhten Sicherheit sollen sie verschwinden, auch wenn es objektiv gesehen kaum je zu Problemen mit ihnen kommt, wie die Polizei bestätigt.

Der Lösungsansatz erinnert fast ein wenig an die Vorbereitungen der Ukraine im Vorfeld der Fussball-Europameisterschaft 2012. Um vor den Gästen aus ganz Europa einen besseren Eindruck zu machen, wurden damals Tausende Strassenhunde abgeschlachtet. Zugegeben: Das war natürlich eine viel dramatischere Massnahme als ein Alkoholverbot, die Logik dahinter ist jedoch dieselbe. Aus den Augen, aus dem Sinn. In der Ukraine waren es Hunde, die dem schönen Anschein zuliebe aus der Wahrnehmung der Öffentlichkeit verschwinden sollten, in Wil sind es nun eben Menschen am Rande der Gesellschaft.

Geholfen ist damit aber niemandem. Weder den Alkoholabhängigen, deren Szene sich einfach einen anderen Ort suchen wird, an dem sie womöglich für andere zum Problem werden, noch dem Ansehen der Stadt Wil. Wer sich dem Motto «Wil sind wir» verschreibt, sollte auch weniger akzeptierte Mitglieder der Gesellschaft mit Würde behandeln und nicht kurzerhand aufs Abstellgleis abschieben. Denn auch sie sind ein Teil von Wil.