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WIL: Neue Horizonte ohne Augenlicht

Ohne Licht wird alles anders, nämlich viel intensiver. Diese Binsenweisheit erlebte das Publikum am Freitagabend im «Dunkelzelt» auf der Weierwise in beeindruckender Art und Weise.
Christof Lampart
Yvonn Scherrer (links) mit ihren Gesprächspartnern Stefan und Viktoria bei der Sprechprobe. (Bild: Christof Lampart)

Yvonn Scherrer (links) mit ihren Gesprächspartnern Stefan und Viktoria bei der Sprechprobe. (Bild: Christof Lampart)

Christof Lampart

redaktion@wilerzeitung.ch

Wie schnell die gefühlte Zeit vergeht, hängt meistens davon ab, ob wir uns langweilen oder mit Freude, «mit allen Sinnen», bei der Sache sind. Am Freitagabend war das ein wenig anders. Zwar ist eine Stunde nicht besonders lang, doch in der absoluten Dunkelheit des Dunkelzelts braucht es erst eine Weile, bis man sich zurechtfindet. Zwar wird man von einer Person zum Platz geführt, doch ist da tatsächlich keine Stolperfalle vorhanden? Ein unabsichtlich ausgestrecktes Bein oder ein Stuhl, der den Weg verstellt? Oder stehen hier Bänke? Wer selbst zu tasten versucht, kommt noch langsamer vorwärts – denn niemand ausser den Blinden weiss, wie hier alles angeordnet ist. Das Dunkelzelt heisst nicht nur so, sondern ist es auch. Hier ist für einmal nicht nur Neugier angesagt, sondern auch Vertrauen Fremden gegenüber. Leuten, die man vielleicht – das weiss zu diesem Zeitpunkt keiner – nie in seinem Leben zu Gesicht bekommen wird.

Intensive Wahrnehmung der Umgebung

Alles ist auf einmal so intensiv. Das tappende Suchen eines Hereinkommenden oder die Stimme, die von irgendwo herkommt. Diese stellt sich als Yvonn Scherrer vor – ihres Zeichens Radiomoderatorin bei Radio SRF 1 und seit frühester Kindheit vollkommen blind. Sie liest heute aus einem ihrer Bücher, «Boimig» vor, das einer Liebeserklärung an die unterschiedlichsten Bäume gleicht. Dabei spricht sie nicht nur Berndeutsch, sondern liest auch im Dialekt vor, was ein gemütliches Ambiente heraufbeschwört. Das ist trügerisch, denn eigentlich erfordert der Abend die volle Konzentration von den temporär nichtsehenden «Ougemönsche».

Yvonn Scherrer schafft es, mit ihrer warmen, einnehmenden Stimme eine unverkrampfte Atmosphäre in den Raum zu zaubern, die einen vergessen lässt, dass man nichts sieht. Dafür nimmt man andere Vorgänge viel stärker wahr. Der Wind, der ums Zelt streicht, der Regen, der auf die Blache prasselt. Den Geruch des Zitronenbaums, den die Autorin beschreibt. Oder die Dinge, welche ihre Gesprächspartner, Stefan und Viktoria, mitgebracht haben. Der eine ist Drechsler, die andere Gärtnerin. Sie haben Objekte mitgebracht, die sie herumreichen – was an und für sich schon ein Abenteuer ist. Wie fühlt sich Eibe an? «Schmöcked ihr de Geruch vo der Ärde?» fragt die Stimme aus dem Off, als ein Behälter mit bröseliger Krume die Runde macht. Vor dem geistigen Auge sieht man die Menge nicken. Auch das geschieht schon nach wenigen Minuten wie selbstverständlich.

Ein Abend, der Grenzen aufhebt

Und dann kommt auf einmal eine Warnung, die aus dem Mund einer Blinden irgendwie seltsam klingt: «Passt auf, es kann am Anfang wehtun, wenn das Licht wieder angeht», erklärt Scherrer. Und dem ist tatsächlich so. Sekunden später ist man jedoch wieder im Hier und Jetzt und bedauert es fast ein wenig. Denn für einmal nichts zu sehen war an diesem Abend für viele eine bereichernde Erfahrung, verschmolzen doch die Sehenden und Nichtsehenden zu einer Einheit, in der die körperlichen Begrenzungen des Alltags für einmal aufgehoben waren.

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