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WIL: "Nach dem Knall bin ich losgerannt"

Fast 75 Jahre sind vergangen, seit in der Thurau bei Wil ein amerikanischer Grossbomber notgelandet ist. Karl Brühwiler, damals Schüler in Schwarzenbach, erinnert sich noch immer lebhaft an diesen besonderen Tag.
Anina Rütsche
Diese und weitere Zeitungsausschnitte über Flugzeugtragödien während der Zeit des Zweiten Weltkriegs hat Zeitzeuge Karl Brühwiler gesammelt und aufbewahrt. (Bilder: Christian Regg/PD)

Diese und weitere Zeitungsausschnitte über Flugzeugtragödien während der Zeit des Zweiten Weltkriegs hat Zeitzeuge Karl Brühwiler gesammelt und aufbewahrt. (Bilder: Christian Regg/PD)

Anina Rütsche

anina.ruetsche@toggenburgmedien.ch

«Schaut, da kommt ein fremder Flieger!» Fasziniert blickte Karl Brühwiler zum Spätsommerhimmel hinauf. An jenem Nachmittag, am 13. August 1943, half der Bub aus Schwarzenbach seinem Onkel beim Emden auf einer Anhöhe in der Nähe des Dorfes. «Plötzlich brummte dieser Bomber über uns hinweg, von Osten her kommend und erstaunlich tief unten», erinnert sich der heute 85-Jährige. Kurz darauf sei die erdbraune Maschine hinter den Bäumen verschwunden. « Weiter schaffen», habe der Onkel bloss gesagt und sich wieder seinem Heu zugewandt. «Doch dann waren mehrere Schüsse zu hören, und wenig später stieg Rauch auf», erzählt Karl Brühwiler. «Da habe ich den Rechen zu Boden geworfen und bin losgerannt.»

Als wäre es gestern gewesen

Seit der Notlandung des Grossbombers «Liberator» auf einer Wiese in der Thurau bei Wil sind fast 75 Jahre vergangen. Doch Karl Brühwiler weiss noch so viel über dieses Ereignis zu erzählen, wie wenn es gestern gewesen wäre. «Ich habe mich schon als Kind für die Militärfliegerei interessiert», sagt der Pensionär, der seit 1965 in der Stadt St. Gallen lebt.

So kam es, dass Karl Brühwiler eine umfangreiche Sammlung an Zeitungsausschnitten angelegt hat, die über dieses Thema Auskunft geben. Die ältesten Artikel und Fotos stammen aus den frühen Vierzigerjahren, die neusten sind erst kürzlich erschienen. Auch ein Bericht über die Notlandung in der Thurau gehört dazu. Zu sehen sind zwei Bilder – auf dem einen Schwarz-Weiss-Foto brennt der Bomber, auf dem anderen werden zwei Mitglieder der Besatzung vom Landeplatz abgeführt. Im Text dazu steht: «Vergangenen Freitagnachmittag landete bei Wil ein viermotoriger amerikanischer Bomber, eine sogenannte Fliegende Festung, die bei Romanshorn auf Schweizer Gebiet einflog und zufolge havarierter Motoren niedergehen musste. Die Mannschaft steckte nach der Landung die Maschine in Brand.» Nachforschungen ergeben allerdings: In Wil ist eine B-24 vom Typ D-75-CO notgelandet. Die B-24 hatte die Zusatzbezeichnung «Liberator», nicht «Fliegende Festung».

Endstation Thurbrücke

Schon sind wir wieder mitten im Kriegsjahr 1943. Der Fliegeralarm habe erst eingesetzt, als die «Liberator» schon lange am Boden gewesen sei. Derweil schnappte sich der elfjährige Karl daheim sein Velo und radelte der dunklen Rauchsäule entgegen. «Ich war bei weitem nicht der einzige, der das alles mit eigenen Augen sehen wollte», sagt der Zeitzeuge. «Vor allem wir Buben waren wahnsinnig neugierig.» Nein, Angst habe er in diesem Moment nicht verspürt, sagt Karl Brühwiler. «Aber aufgeregt war ich, sehr sogar! Hätte ich die Gelegenheit bekommen, wäre ich sogar in einen solchen Flieger eingestiegen. Auch hätte ich gerne ein Souvenir mitgenommen.»

Zu all dem kam es allerdings nicht. Bei der Thurbrücke war nämlich Endstation für die Schaulustigen. Das Schweizer Militär hatte das Gelände aus Sicherheitsgründen bereits abgesperrt. «Schade», findet Karl Brühwiler. «Immerhin konnte ich den brennenden Bomber von weitem erkennen, und das war es allemal wert.»

Der Onkel, der sei übrigens gar nicht erfreut gewesen über die spontane Expedition seines Neffen, und es habe daheim «Schimpfis» gegeben wegen der verpassten Heuet.

"Switzerland, Switzerland!"

Genaueres zur Notlandung der «Liberator» erfuhr der Bub später von einem Mitschüler. Dieser hat an jenem Nachmittag neben der Landestelle auf einem Acker gearbeitet und alles beobachtet. «So laut er konnte, hat er ‹Switzerland, Switzerland› gerufen, doch die Amerikaner setzten den Bomber umgehend in Brand und flüchteten in den Wald», erzählt Karl Brühwiler. «Dort wurden sie aber schnell gefunden und abgeführt. Sie waren erleichtert, als sie doch noch erfuhren, dass sie sich in der neutralen Schweiz befinden.» Dass die Besatzung ihren eigenen Bomber in Brand gesetzt habe, sei darauf zurückzuführen, dass sich die Amerikaner fälschlicherweise im verfeindeten Deutschland wähnten. «Deshalb mussten sie ihren Bomber sofort vernichten.»

Gerne hätten Karl Brühwiler und sein Schulkamerad mit den Besatzungsmitgliedern geredet, doch dies sei nicht möglich gewesen. «Ich hätte gerne gewusst, woher sie gekommen waren und was genau schief gelaufen war», sagt er. «Erfahren habe ich es leider nie.»

Zwei Tage nach der Notlandung seien die Überreste der «Liberator» übrigens weggeräumt gewesen. «Und auch die Spuren in der Wiese verschwanden erstaunlich schnell, als wäre nie etwas gewesen.»

Der Zeitzeuge Karl Brühwiler (*1932) ist der Grossvater von Redaktorin Anina Rütsche (*1986).

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