WIL: Mit der Dampflok ins Stadthaus

Hier sollte einst grosse Eisenbahnzukunft geschrieben werden. Eine Ausstellung im Stadtmuseum rollt ihre Geschichten und Mythen auf, die sich um sie ranken.

Daniel Wallimann
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«Der Kluge reiste bequem im Zuge.» Stadtarchivar und Stadtmuseumsleiter Werner Warth auf einer Bank von anno dazumal. (Bild: Daniel Wallimann)

«Der Kluge reiste bequem im Zuge.» Stadtarchivar und Stadtmuseumsleiter Werner Warth auf einer Bank von anno dazumal. (Bild: Daniel Wallimann)

Daniel Wallimann

daniel.wallimann@wilerzeitung.ch

«Sie werden es mir nicht glauben», sagt Werner Warth an seiner Eröffnungsrede. Aber es hätten Pläne für eine Strassenbahn existiert, die von einer Dampflok oder Pferden hätte gezogen werden sollen. «Entlang der Bahnhofstrasse bis ins Stadthaus hinauf.» Die Idee sei aber aus Kostengründen nie realisiert worden. «Ebenso die Hörnlibahn, die Wil über das Tösstal nach Zürich erschliessen sollte, verliess nie den Ideenbahnhof», so der Stadtarchivar und Leiter des Wiler Stadtmuseums.

Neben solchen Projekten, konzentriert sich die Ausstellung «Die Eisenbahn kommt!» vor allem auf die Bahnlinien, die bis heute Bedeutung haben. Denn Wil ist seit dem 14. Oktober 1855, als der erste Eisenbahnzug in den Bahnhof einrollte, zu einem Verkehrsknoten der Ostschweiz geworden.

Fortunas Busenkind

In kurzen Filmsequenzen zeigt Warth sodann dem Publikum: «Dass die Eröffnung der Bahnlinie Winterthur–Wil–Rorschach 1855 ein Startschuss für den Bahnboom in der Ostschweiz war.» Schon 1870 seien nämlich die Toggenburgerbahn, 1887 die Frauenfeld-Wil-Bahn und 1911 auch die Mittelthurgaubahn gefolgt.» Und jede habe ihre ganz eigene Geschichte, die die Ausstellung im Stadtmuseum Wil nun aufrollt. Mit einem Zitat von Kantonsrat Schweitzer untermalt der Stadtarchivar dann, wie sogar die Politik den Bahnstandort Wil damals bewarb. Im heutigen Kontext bringt es einem sogar zum Schmunzeln: «Nach seiner glücklichen Lage ist Wyl ein wahres Busenkind der Fortuna. Im offenen Thale, an der Heerstrasse und Eisenbahn zwischen St. Gallen und Zürich, zu Anfang oder zu Ende des Toggenburgs, dessen Bezüge aus dem Thurgau vermittelnd, ist ihm ein grosser Verkehr gesichert; bei seiner fruchtbaren Umgebung ist es der höchste Punkt eines herrlichen Gartens, erhaben genug, um über eine Aussicht auf die Berge des Obertoggenburgs und der Kantone Appenzell und Glarus zu bieten.»

Aus dem Leben einen Lokführers

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Ausstellung entpuppt sich dann auch als ein gelungener Mix aus Neuem und Altem. Da sind einerseits Stellwände mit Texten, bewegten Bilder, interaktiven Stationen, auf der anderen Seite findet man Originaldokumente sowie Loks und Zugkompositionen im Kleinformat, die der Modelleisenbahnclub Wil zur Verfügung stellt.

Zuvorderst fällt die Videoinstallation des Wiler Künstlers Renato Müller auf. Als Kontrast dazu erzählt sein Vater Otto Müller in einem Ausstellungsvideo aus seinem früheren Berufsalltag als Lokomotivführer. « So erfährt man, wie es damals wirklich war.» Daneben sind Bilder des Wiler Malers Karl Peterli zu sehen, die das Geschehen am Wiler Bahnhof festhalten: Reisende, die sich vor der Abfahrt für ein letztes «Adieu» aus dem Fenster lehnen. «Gerade wenn das Wetter wieder schlechter wird, laden sie zum Verweilen ein.»