Wil
Menschen erzählen von ihrer Flucht: «Die Schweiz war für mich wie ein anderer Planet»

Schülerinnen und Schüler tauschen sich mit Flüchtlingen aus. Dies war die Idee eines Projekttags an der Oberstufe Sonnenhof. Damit sollten Vorurteile abgebaut und gegenseitiges Verständnis geschaffen werden.

Gianni Amstutz
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Kairat Birimkulov erzählt den Schülerinnen und Schülern der Oberstufe Sonnenhof über seine Flucht aus Kirgistan und die Integration in die Schweizer Gesellschaft.

Kairat Birimkulov erzählt den Schülerinnen und Schülern der Oberstufe Sonnenhof über seine Flucht aus Kirgistan und die Integration in die Schweizer Gesellschaft.

Bild: Gianni Amstutz

Es sind Erzählungen, die aufrütteln, bewegen und fesseln. Mit dem Alltag vieler der Schülerinnen und Schüler der 1. Oberstufe im Wiler Schulhaus Sonnenhof haben sie wenig gemeinsam. Es geht um Unterdrückung, Gewalt, manchmal um Leben und Tod.

Denn am Mittwochmorgen sind zwei besondere Menschen zu Gast in der Sekundarschule. Kairat Birimkulov und Janson Bulambo haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Was sie verbindet, ist der Umstand, dass sie in ihrem Heimatland plötzlich nicht mehr willkommen waren und die Flucht ergreifen mussten.

Schülerinnen und Schüler für das Thema Flucht sensibilisieren

Das Ziel des Angebots der Schweizerischen Flüchtlingshilfe ist klar: Die Schülerinnen und Schüler sollen durch den direkten Austausch mit geflüchteten Menschen für komplexe Themen wie Flucht, Asyl, Integration und Solidarität sensibilisiert werden. Über 80 Millionen Flüchtlinge gibt es weltweit – eine kaum greifbare Zahl. Beim Gespräch im Schulzimmer bekommen sie ein Gesicht und eine Stimme. Und anstatt theoretisch etwas über mögliche Gründe für eine Flucht zu erfahren, rücken Einzelschicksale ins Zentrum.

Janson Bulambo flüchtete mit 14 Jahren in die Schweiz.

Janson Bulambo flüchtete mit 14 Jahren in die Schweiz.

Bild: Gianni Amstutz

Das scheint zu funktionieren. Als Janson Bulambo von seinem Leben in der Demokratischen Republik Kongo erzählt, ist ihm die Aufmerksamkeit der Jugendlichen sicher. «Meine Kindheit war wie im Paradies.» Mit einem Lächeln erzählt er von Mutproben, bei denen er und seine Kollegen in einen Fluss gesprungen sind und dann vor nahenden Krokodilen wegrannten.

Doch mit der Unbeschwertheit war es bald vorbei. Bulambos Eltern, die sich in Menschenrechtsorganisationen engagierten, gerieten ins Visier der Regierung. Eines Tages seien Soldaten aufgetaucht, mit dem Ziel, die Familie auszulöschen, erzählt er.

Eine schwierige Ankunft

Die genauen politischen Hintergründe seien ihm damals nicht klar gewesen. Das änderte nichts daran, dass sein Leben vom einen auf den anderen Tag auf den Kopf gestellt wurde. Drei Jahre lang war er mit seiner Familie auf der Flucht, über Tansania und Sambia gelangte er mit seinen Brüdern schliesslich in die Schweiz.

«Was hat Ihnen in der Schweiz am meisten zu schaffen gemacht?», will ein Schüler von Bulambo wissen. Am Anfang sei alles sehr schwierig gewesen, antwortet dieser:

«Die Sprache, das Klima aber vor allem auch die Kultur: Alles war für mich neu.»

Was für Schweizerinnen und Schweizer völlig normal war – wie etwa unterirdische Bahnhöfe – löste bei ihm Verwirrung, ja teils sogar Angst aus. «Die Schweiz war für mich nicht einfach ein anderes Land, sondern wie ein anderer Planet», beschreibt er seine anfänglichen Gefühle.

Kritische Berichte wurden zum Verhängnis

Ähnlich erging es auch Kairat Birimkulov. Die Schweizerinnen und Schweizer seien etwas distanzierter als er sich dies aus seinem Heimatland Kirgistan gewohnt sei, antwortet er auf die Frage nach den grössten Unterschieden zwischen den beiden Ländern.

Birimkulov wurde als TV-Reporter seine kritische Berichterstattung über die Regierung in Kirgistan zum Verhängnis. Mit 40 Jahren musste er das Land verlassen und konnte über ein Botschaftsvisum Asyl in der Schweiz beantragen. Seinen Traumjob konnte er in der Schweiz wegen sprachlicher Hürden aber nicht mehr ausüben. Inzwischen hat er als Filmproduzent aber eine Arbeit gefunden, bei der er sein Wissen gewinnbringend einbringen kann. Auch den Schweizer Pass hat Birimkulov erfolgreich beantragt:

«Das hat mir die Welt wieder geöffnet.»

Nach über einem Jahrzehnt konnte er damit sein Heimatland, Freunde und Verwandte wieder besuchen. Darüber hat er sich zwar sehr gefreut, gleichzeitig beschreibt er aber auch das Gefühl, in Kirgistan nicht mehr zu Hause zu sein.

Es gibt nicht den einen Flüchtling

Die Geschichten von Kairat Birimkulov und Janson Bulambo zeigen, dass es nicht den einen Flüchtling gibt. Ihre Biografien unterscheiden sich nicht nur voneinander, sondern auch vom Stereotyp eines geflüchteten Menschen, der im Schlauchboot übers Mittelmeer nach Europa kommt. Dieses Verständnis wurde auch bei den Schülerinnen und Schülern der Oberstufe Sonnenhof geschärft.

Wie nachhaltig ein solcher dreistündiger Austausch zwischen Schülerinnen und Schülern und Geflüchteten ist, lässt sich kaum sagen. Gut möglich aber, dass den Teilnehmenden dieses Projekttags bei künftigen Debatten über Asyl und Flucht nicht eine Zahl einer abstrakten Statistik in den Sinn kommen wird, sondern die persönlichen Geschichten von Kairat Birimkulov und Janson Bulambo.