Der Stadt Wil fehlen die Lehrer: Noch sind sechs Stellen vakant

In rund zwei Monaten beginnt das neue Schuljahr. Aufgrund des Lehrermangels steht bei vielen Primarschulen noch nicht fest, wer vor der Klasse stehen wird. Die Stadt sucht händeringend nach Pädagogen.

Gianni Amstutz
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Der Lehrermangel dürfte sich noch verschärfen. Tausende Lehrkräfte erreichen bald das Pensionsalter. (Bild: Christian Beutler / Keystone)

Der Lehrermangel dürfte sich noch verschärfen. Tausende Lehrkräfte erreichen bald das Pensionsalter. (Bild: Christian Beutler / Keystone)

So hatten sich die Autoren des neuen Lehrplans das nicht vorgestellt. Das selbstständige Erarbeiten neuer Inhalte nimmt zwar eine immer wichtigere Rolle ein, die Anwesenheit einer Lehrperson ist aber immer noch Voraussetzung. Doch genau hier droht jetzt Ungemach.

Vergangene Woche vermeldete der Schweizer Lehrerverband Beunruhigendes: Der lang angekündigte Lehrermangel zeige sich nun deutlich. Dass dies keine leere Floskel war, spüren auch die Schulen der Stadt Wil. Ganze sieben Lehrerstellen auf Kindergarten- und Primarschulstufe waren Ende Mai noch vakant, darunter zwei Vollzeitstellen als Klassenlehrperson und mehrere Teilzeitpensen. Hinzu kommt eine vorerst befristete Teilzeitstelle in der Logopädie. Eine derart hohe Anzahl offener Stellen zu einem so späten Zeitpunkt sei nicht üblich, räumt Schulpräsidentin Jutta Röösli ein.

Städtische Mitarbeiter sollen Lehrer rekrutieren

Aussergewöhnliche Zeiten erfordern aussergewöhnliche Massnahmen. In einer E-Mail, die der «Wiler Zeitung» vorliegt, wendet sich Fabio Färber, stellvertretender Leiter des Personaldienstes, an alle Mitarbeitenden der Stadt:

«Unsere Schulen haben dieses Jahr etliche Schwierigkeiten, ausgeschriebene Stellen zu besetzen. Der Arbeitsmarkt ist stark ausgetrocknet»

Die Stadt müsse nun auch «alternative Wege beschreiten» und habe sich entschlossen, die Mitarbeitenden um Mithilfe für die Rekrutierung neuer Lehrer zu bitten. Der Personaldienst sei froh um Hinweise und Tipps.

Doch was ist der Grund für den Lehrermangel in Wil? Mehr Kündigungen als in anderen Jahren hat es laut Jutta Röösli nicht gegeben. «Die Vakanzen halten sich im üblichen Rahmen», sagt sie. Es ist also kein hausgemachtes, sondern vielmehr ein strukturelles Problem. «Es gibt zu wenig ausgebildete Lehrpersonen auf dem Arbeitsmarkt.» Hinzu komme der Anstieg der Schülerzahlen, was mehr Lehrpersonal erforderlich mache.

Stufenfremde Lehrpersonen auch in Wil

Der Aufruf des städtischen Personaldienstes hat zumindest teilweise bereits Wirkung gezeigt. Zwei der acht offenen Stellen hätten in der Zwischenzeit besetzt werden können, sagt Röösli. Bleiben also insgesamt noch sechs Vakanzen.

Jutta Röösli, Stadträtin (Bild: PD)

Jutta Röösli, Stadträtin (Bild: PD)

Der Schweizer Lehrerverband schreibt, dass der Lehrermangel vielerorts noch kaschiert werden könne. Häufig würden dazu fach- oder stufenfremde Lehrer eingestellt. Ebenfalls würden öfter nicht ausgebildete Quereinsteiger engagiert. Auch in Wil ist zumindest ersteres eine Option – die so auch schon praktiziert wird. Jutta Röösli sagt:

«Es gibt Situationen, wo wir aufgrund der Eignung auch fach- oder stufenfremde Lehrpersonen engagieren»

Quereinsteiger habe man in den vergangenen Jahren jedoch nie eingestellt. Der Lehrerverband erachtet dies denn auch als wenig sinnvoll. Für Neulinge ohne adäquate Ausbildung könne die Unterrichtsführung schnell überfordernd sein.

Stadt und Hochschulen gleichermassen gefordert

Die Frage bleibt, wie sichergestellt werden kann, dass die Stadt Wil genügend Lehrpersonen für die stetig steigenden Schüler- und Klassenzahlen hat. Die zuständige Stadträtin sieht dabei sowohl die Stadt als auch die Pädagogische Hochschulen in der Verantwortung. «Wenn nicht genügend Fachpersonen auf dem Arbeitsmarkt sind, ist die Attraktivität des Arbeitgebers und des Standortes sicher ein wichtiger Faktor, um Mitarbeitende gewinnen zu können», sagt Jutta Röösli.

Gleichzeitig müssten aber auch geeignete Nachwuchspersonen gefördert und schrittweise in die Aufgabe eingeführt werden können. «Da sind die Pädagogischen Hochschulen gefordert, stimmige und interessante Ausbildungsgänge zu konzipieren.»