Wil im Gedächtnis des Kantons

Die Geburt von Vierlingen im Jahr 1909 ist nur ein Beispiel aus der Wiler Geschichte, die im Bestand des Staatsarchivs St. Gallen schlummert. Dieses präsentierte am Mittwochabend alte Bilder und Dokumente aus Wil und Umgebung.

Ursula Ammann
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Im Februar 1909 brachte eine Maugwilerin vier lebende Knaben zur Welt. So notierte es der Bezirksarzt im Protokoll des Bezirksphysikats, worin medizinisch relevante Ereignisse festgehalten wurden. (Bild: Staatsarchiv St. Gallen)

Im Februar 1909 brachte eine Maugwilerin vier lebende Knaben zur Welt. So notierte es der Bezirksarzt im Protokoll des Bezirksphysikats, worin medizinisch relevante Ereignisse festgehalten wurden. (Bild: Staatsarchiv St. Gallen)

WIL. Es war ein seltenes Ereignis, in der damaligen Zeit erst recht: Die Maugwilerin Maria Enz-Weber brachte am 12. und 13. Februar 1909 vier lebende Knaben zur Welt. Damit wurde die 30jährige Ehefrau von Karl Enz, Wirt und Landwirt «zum Freihof» in Maugwil, quasi über Nacht von der dreifachen zur siebenfachen Mutter. Sie hatte nämlich bereits zwei Söhne und eine Tochter.

In den Erinnerungen der Bevölkerung dürfte dieses Ereignis wohl verblasst sein. Im «Gedächtnis des Kantons», dem Staatsarchiv St. Gallen, hat es aber seinen sicheren Platz. Dort befinden sich die Protokolle des Bezirksphysikats, worin medizinisch relevante Vorkommnisse, Mitteilungen und vorgenommene Untersuchungen notiert wurden. So eben auch die Maugwiler Vierlinge. Deren Geburt stellt gar den Eröffnungseintrag des Protokolls von 1909 dar. Gleich im nächsten Eintrag wird von der Auffindung der Leiche eines Säuglings berichtet.

Einblicke in den Schulalltag

Die Protokolle des Bezirksphysikats bilden nur einen Bruchteil dessen, was im Staatsarchiv St. Gallen vorhanden ist. Insgesamt lagern dort über zehn Kilometer Akten. Welche weiteren Dokumente und Bilder aus Wil und Umgebung darin schlummern, verriet die Historikerin Claudia Klinkmann am Mittwochabend bei einem öffentlichen Vortrag im Hof zu Wil.

Sie nahm das Publikum mit auf eine «Reise durch Raum und Zeit». Eine Station war dabei der Bahnhof Wil: Im Staatsarchiv befinden sich unter anderem Pläne für ein «Project für Umbau und Vergrösserung» des Aufnahmegebäudes am Bahnhof Wil. Die Vereinigten Schweizerbahnen legten diese im März 1901 dem Schweizerischen Eisenbahndepartement vor, welches die Pläne genehmigte.

«Eine wichtige und gefragte Quelle des Staatsarchivs sind auch die Bürgerregister», erklärte Claudia Klinkmann. Sie geben Aufschluss über Wohnorte, Wohnortswechsel und familiäre Verhältnisse von Personen. So etwa über Joseph Anton Zuber, der aus der thurgauischen Gemeinde Au nach Wil übersiedelte und 1847 eingebürgert wurde. Von ihm sind im Staatsarchiv noch weitere Spuren zu finden. Zum Beispiel eine Vermögensbescheinigung. Darin wird festgehalten, dass Zuber das Wirtshaus zum Sternen auf dem Hofplatz besass, eine Scheune in der oberen Stallengasse, eine Wiese sowie drei Äcker auf «verschiedenen Zelgen». Auch bewegliches Kapital wie Vieh und Butter ist im Verzeichnis notiert.

Einen Einblick in den Schulalltag im alten Wil geben die Visitationsberichte der Schulräte aus dem Jahr 1874 über die Mädchen- und Knabenschulen in Wil. Zur mittleren Mädchenschule Wil schrieb der Aktuar folgendes: «Das mechanische Lesen ist sehr gut, weniger das Betonen.» Das Verständnis des Gelesenen werde etwas mehr angeregt als früher, obwohl die Wiedergabe mehr in auswendig gelernten Sätzen bestehe. Die Tafelschriften seien gut, ist weiter festgehalten, «dagegen könnten durch öftere leichte Correcturen» die vielen orthographischen Fehler etwas vermindert werden.

Wil als Pilotprojekt

Organisiert hatten den öffentlichen Vortrag die Kunst- und Museumsfreunde Wil und Umgebung. Sie wurden vom Staatsarchiv dazu angefragt. Auch in anderen Städten oder Gemeinden plant das Staatsarchiv St. Gallen Vorträge, um der Bevölkerung die Institution und geschichtliche Ereignisse aus ihrer Umgebung näherzubringen.

Es sei erfreulich, dass das Staatsarchiv die Stadt Wil als Pilotprojekt für einen solchen Vortrag ausgesucht habe, sagte Hans Vollmar, Präsident der Kunst- und Museumsfreunde. Mit dem Stadtarchiv Wil habe man bereits eine breite Quelle, das Staatsarchiv sei aber eine gute Ergänzung dazu.