WIL: Ihr fehlt eine klare Strategie

Kantonsschülerin Aiyana Signer untersuchte in ihrer Maturaarbeit, was die Wiler Primarschulen Lindenhof und das Allee-Schulhaus unternehmen, um fremdsprachige Schülerinnen und Schüler zu integrieren.

Christof Lampart
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Fünf Jahre ihrer Schulzeit verbrachte Aiyana Signer in den USA. (Bild: Christof Lampart)

Fünf Jahre ihrer Schulzeit verbrachte Aiyana Signer in den USA. (Bild: Christof Lampart)

Christof Lampart

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Die 18-jährige Aiyana Signer weiss, wie es sich anfühlt, wenn man als Schülerin nicht nur die Schule, sondern auch das Land, das Schulsystem und sogar die Sprache wechselt – und dies alles praktisch von einem Tag auf den anderen. Als sie die fünfte Primarklasse besuchte, zog die ganze Familie von Kirchberg, wo die Familie heute wieder lebt, in den ganz im Norden befindlichen und an Kanada angrenzenden US-Bundesstaat Minnesota. Der Grund war einfach: Ihr Vater arbeitete für ein international tätiges Schweizer Unternehmen. Weil er nicht dauerhaft von seiner Familie getrennt leben wollte, zog man halt gemeinsam um.

In den USA intensiv individuell gefördert

Die Erfahrungen ihrer fünf Jahre in den USA möchte Aiyana Signer heute nicht missen. Doch sie lassen die junge Frau, welche ab nächsten Herbst Mathematik studieren und später als Lehrerin arbeiten möchte, auch kritische Vergleiche anstellen. «Als ich in den USA war, kümmerte sich eine Lehrerin nur um mich und schaute, dass ich schulisch und sprachlich schnell Fortschritte machte. Als Schülerin merkte ich schnell: die Lehrerin schaut auf mich.» Dies mit Erfolg: «Nach einem Jahr war ich so weit, dass ich im normalen Unterricht nicht weiter abfiel. Man merkte mir vielleicht an, dass ich nicht die beste Englisch-Schülerin war, aber das war dann auch schon alles», sagt Aiyana Signer. Auch an den Wiler Primarschulen würden fremdsprachige Kinder sehr persönlich und mit viel Herzblut unterrichtet. Allerdings hält die Kantonsschülerin in ihrer Maturaarbeit kritisch fest, dass sie eine schulübergreifende «klare Strategie» für die spezifische schulische Förderung von Migrantenkindern nicht habe entdecken können, was sie dann doch «sehr überrascht hat». Vielmehr würden sowohl im Allee-, als auch im Lindenhof-Schulhaus der Integrationsansatz so gewählt, dass «man alle Schülerinnen und Schüler in alle Aktionen gemeinsam mit einbezieht».

So entwickelten sich die Kinder kollektiv sprachlich und kulturell weiter, während die gezielte Förderung der individuellen Leistungsfähigkeit, wie sie Aiyana Signer selbst in den USA kennen und schätzen lernte, nicht so stark im Fokus steht. Gleichwohl werde an den beiden, von ihr untersuchten Wiler Primarschulen viel getan: «Hier gibt es die Angebote wie Teamteaching, individuelle Lernziele, Heilpädagogik und anderes. Es wird immer geschaut, wie man den Unterricht am effektivsten vorbereiten kann – eben mit den limitierten Mitteln, die den Schulen hier zur Verfügung stehen», hat Aiyana Signer beobachten können.

Eltern frühzeitig in den Unterricht einbinden

Beide Schulen verfügten über ein «gutes Teamteaching», wobei nach ihrer Einschätzung der Individualisierungsgrad im Unterricht der Klassen im Schulhaus Lindenhof noch ein wenig ausgeprägter ist. Allerdings wäre es schlau, wenn man bereits im Kindergarten mit einem intensiven Deutschunterricht beginnen würde. «Dann könnte man die Eltern auch frühzeitig in den Unterricht irgendwie einbinden, was wiederum dem Kind hilft, hier schulisch und sozial anzukommen», sagt die Kantonsschülerin.

Dass sei umso wichtiger, weil die Familien mancher Kinder aus Kulturkreisen kämen, in denen ein Bewusstsein für die elterliche Mitverantwortung für den Schulerfolg des Kindes nicht sehr ausgeprägt sei. Allerdings wissen die Wiler Schulleitungen um diese Problematik schon länger – wie Aiyana Signer in ihren Interviews erfahren hat: «Den Eltern wird in Wil von Anfang an gesagt, wie das Schulsystem in der Schweiz funktioniert; somit wissen diese auch von Anfang an um die Vorstellungsunterschiede». Dennoch sei die Hilfe und Mitarbeit der Eltern in den hiesigen Schulen «sehr wichtig, weil unser Schulsystem so ist, wie es nun mal ist».