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WIL: Gefährdete Existenz am Stadtrand

Das Mohnfeld der Bauernfamilie Stadler wirkt während der Blüte wie ein Magnet auf Fotografen und Filmer. Trotzdem ist das Kulturland bedroht, denn der Wirtschaftsraum Wil will wachsen und braucht neue Gewerbeflächen.
Eveline Dudda
Familie Stadler hat sich daran gewöhnt, dass sie auch an ihrem Sitzplatz jederzeit mit Kundschaft rechnen muss. (Bilder: Eveline Dudda)

Familie Stadler hat sich daran gewöhnt, dass sie auch an ihrem Sitzplatz jederzeit mit Kundschaft rechnen muss. (Bilder: Eveline Dudda)

Eveline Dudda

redaktion@wilerzeitung.ch

Der Hof von Zeno und Hanna Stadler liegt direkt beim Kreisel am Stadtrand von Wil. Es ist ein mittelgrosser Betrieb mit Milchvieh, Hühnern, Hochstämmern und Ackerbau. Letzterer ist speziell, denn Stadlers vermehren Raygras und produzieren spezielle Ölsaaten wie Lein, Ölkürbis und Schlafmohn. «Ich bin eben ein Ackerbauer», sagt Zeno Stadler. Einer, der nicht davor zurückschreckt, Neues auszuprobieren. Nächstes Jahr will er auch Leindotter und Braugerste produzieren. «Wir haben immer klein angefangen, mit 50 Aren oder so, und dann die Produktion langsam gesteigert.»

Das war klug. Denn mit den «alten» Kulturen wie Lein und Mohn mussten Stadlers erst Erfahrungen sammeln. «Am Anfang waren wir manchmal einen ganzen Monat lang nur am Jäten.» Inzwischen haben Stadlers das Unkraut im Griff.

Anfragen für Fotoshooting im Mohnfeld

Weniger im Griff haben sie die Reaktionen, die ihr blühendes Mohnfeld bei den Vorbeifahrenden hervorrufen. Das Feld scheint die Leute magisch anzuziehen. «In den zehn Tagen, in denen der Mohn blüht, halten den ganzen Tag hindurch Autos am Feldrand», erzählen die Stadlers. «Manche Leute kommen sogar im Abendkleid und lassen sich im Mohnfeld ablichten.» Oder sie holen sich einen Strauss, wie einst ein älterer Herr mit Kind, vermutlich seinem Enkel. Doch Stadlers sind kulant. «Der Strauss hatte vermutlich sowieso keine Blütenblätter mehr, bis sie zu Hause ankamen.» Als Schnittblume taugt der Schlafmohn nicht, dafür umso mehr als Sujet. Stadlers bekommen immer wieder Anfragen von Foto- und Filmstudios, die ein Fotoshooting im Mohnfeld abhalten oder einen Trailer darin drehen möchten.

Einmal wollte jemand sogar mit dem Pferd durchs Mohnfeld galoppieren. Das ging der Bauernfamilie dann aber doch zu weit. Sie leben schliesslich vom Ertrag, und der ist beim Mohn ohnehin nicht besonders hoch: Von einer Hektar lassen sich gerade mal 300 Liter Öl gewinnen.

Das Verhalten im und ums Mohnfeld scheint typisch für das landwirtschaftliche Verständnis der Normalbevölkerung. Auf der einen Seite werden die Kulturen bewundert, auf der anderen Seite werfen die Leute laufend Abfall in die Wiesen und Felder. Die wenigsten Leute scheinen die Zusammenhänge bei der Produktion zu verstehen. Stadlers Hof liegt nur wenige hundert Meter von der Wallfahrtskirche Maria Dreibrunnen entfernt, in der häufig kirchliche Trauungen stattfinden. «Eigentlich steht im Reglement, dass die Besucher im Industriegebiet parkieren sollen. Letzthin war das tatsächlich einmal der Fall», lacht Zeno Stadler. Das war die berühmte Ausnahme von der Regel. Normalerweise ist die Strasse zwischen Hof und Kirche am Wochenende zuparkiert.

Die Nähe zur Stadt Wil, zur Kirche und die Lage direkt an der Strasse ist für Stadlers eine Herausforderung: «Wir sind immer unter Beobachtung». Nicht zuletzt deshalb bemühen sie sich, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Wenn die Kühe die Strasse überqueren, putzen sie sofort hinterher – sofern man sie lässt. Oft wollen die Autofahrer aber gar nicht so lange warten. Da die Strasse demnächst saniert werden soll, wollen Stadlers bei dieser Gelegenheit einen Tunnel für die Kühe bauen. Auf eigene Rechnung – die öffentliche Hand beteiligt sich nicht daran. «Wir müssen Aufbauarbeit leisten, da in der Bevölkerung nur wenig Verständnis für die Landwirtschaft vorhanden ist», sagt Hanna Stadler. Sie nennt als Beispiel das Abkalben: «Wir sind der Meinung, dass eine Kuh auf der Weide am besten und auch am rings­ten kalbert.» Das scheinen Nicht-Bauern aber ganz und gar nicht zu verstehen. Einmal musste die Bäuerin beobachten, wie jemand zu einer Kuh lief, um ihr bei der Geburt zu helfen. Das ist nicht nur unnötig, sondern auch gefährlich. «Es reicht völlig, wenn man die Kuh aus Distanz beobachtet und nur eingreift, wenn sie Hilfe benötigt.» Das mangelnde Verständnis spornt die beiden an, ihren Hof wenn immer möglich für die Bevölkerung zu öffnen. So machen sie beispielsweise bei der Stallvisite mit, dieses Angebot wird von Familien mit kleinen Kindern gerne genutzt. Stadlers bieten auch regelmässig Hand, wenn Kindergärtler dem Hof ­einen Besuch abstatten oder eine Lehrerin das Thema Hühner ihren Schülern in der Praxis näherbringen will.

Direktverkauf als wichtiges Standbein

Die Nähe zur Stadt hat auch Vorteile. «Es gibt viele Leute, die auf dem Heimweg noch Eier oder Käse bei uns kaufen», erzählt Hanna Stadler. Oder Öl. Während ihr Mann für Milch und Ackerbau zuständig ist, sind die 400 Legehennen und die Vermarktung ihr Bereich. Auf dem Hof verkauft sie Eier, Käse und Kartoffeln sowie das komplette Sortiment an kalt gepressten Ölen der St. Galler Saatzucht. Mit den Ölen fährt sie zudem regelmässig in Wil auf den Markt. Der Direktverkauf ist ein wichtiges Standbein, Stadlers generieren damit etwa ein Drittel ihrer landwirtschaftlichen Einnahmen.

Auf dem Hof werden die hochwertigen – und hochpreisigen – Öle nur mit Bedienung verkauft. Im offenen Verkaufsstand wären sie Licht und Wärme ausgesetzt, was die Qualität mindert. Ausserdem haben Stadlers auch ein paar unangenehme Erfahrungen gemacht. Es ist sogar schon vorgekommen, dass nicht nur die Kasse, sondern auch die komplette Tiefkühltruhe ausgeräumt wurde. Selbst die Weihnachts­dekoration hat jemand schon einmal mitlaufen lassen. Stadlers nehmen es gelassen: Sie sind sich einig, dass «das Positive überwiegt». Die Bäuerin erzählt von Kunden, die an Weihnachten Guetzli vorbeibringen, um sich für die feinen Eier zu bedanken, oder die eine Dankeskarte an den Verkaufsstand hängen. Und wenn jemand ihnen ein Kompliment für den schönen und gepflegten Hof macht, entschädigt sie das bereits für vieles.

Der Direktverkauf an stark frequentierter Lage bringt es mit sich, dass manchmal viermal am Vormittag jemand läutet und fast immer jemand vor dem Haus parkiert. Stadlers sind eigentlich nie allein, wenn sie den Zvieri vor dem Haus einnehmen. «Das gehört bei uns dazu», sagt Hanna Stadler. Nur mit dem Strassenlärm kann sie sich nicht anfreunden. «Freitag- und Samstagnacht ist es am schlimmsten.» Sie träumt davon, irgendwann einmal an einem ruhigeren Ort zu leben.

Hinweis

Die Autorin dieses Artikels ist Mitarbeiterin des Landwirtschaftlichen Informationsdienstes (LID).

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