Wil est Charlie

Es war ein barbarischer Akt, das Attentat auf die Redaktion des französischen Satiremagazins «Charlie Hebdo». Zwei Maskierte stürmten am Mittwoch in Paris die Büros der bekannten Zeitschrift und richteten ein Massaker an. Zwölf Personen kamen ums Leben, Karikaturisten, Besucher und Polizisten.

Philipp Haag
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St. Gallen - Philipp Haag Redaktion Wiler Zeitung (Bild: Philipp Haag)

St. Gallen - Philipp Haag Redaktion Wiler Zeitung (Bild: Philipp Haag)

Es war ein barbarischer Akt, das Attentat auf die Redaktion des französischen Satiremagazins «Charlie Hebdo». Zwei Maskierte stürmten am Mittwoch in Paris die Büros der bekannten Zeitschrift und richteten ein Massaker an. Zwölf Personen kamen ums Leben, Karikaturisten, Besucher und Polizisten. Die Welt nahm den Amoklauf mit Entsetzen auf und reagierte mit einer Schweigeminute.

Der Angriff, von zwei Islamisten begangen, zeugt von religiöser Verblendung, von abgrundtiefem Hass und Wahn. Die beiden Attentäter reagierten mit Kugeln auf Bleistifte. Sie brachten kritische Stimmen mit Kalaschnikows zum Schweigen. Sie ermordeten Wehrlose. Der Anschlag ist ein Gewaltakt gegen die Zivilisation, gegen die Demokratie und gegen die Meinungsäusserungsfreiheit. Es ist eine feige, eine infame Reaktion auf Satire. Nun entspinnt sich einmal mehr die Diskussion, was Satire darf. Satire darf alles. Sie hält einem in deutlichen, in pointierten Worten und Bildern den Spiegel vor. Satire rüttelt auf, legt den Finger in die Wunden und regt zum Nachdenken an. Meist ist unangenehm, was darin zu erkennen ist. Doch als verbal-bildlicher Warn- und Mahnfinger ist die Satire für eine aufgeklärte Gesellschaft unverzichtbar.

Entscheidend ist die Reaktion auf Satire. Souverän ging Wil vor zwei Jahren mit aus dem Leutschenbach geschleuderten Verbalspitzen um. Der Schweizer Satiriker Viktor Giacobbo nahm sich damals die Äbtestadt vor. In seiner Sonntagabendsendung «Giacobbo/Müller» bezeichnete er Wil regelmässig als Taliban-Hochburg, unterlegt mit Bildern von bärtigen Rabauken und verschleierten Frauen. Anstatt sich beleidigt ins Schneckenloch zurückzuziehen oder sich gar zu beschweren, drehte Wil Tourismus um Felix Aepli den Spiess um und ernannte den spitzzüngigen Winterthurer zum ersten Botschafter der Stadt Wil. Es war ein Coup, der den Satiriker beinahe sprachlos machte.

Eine derartige Reaktion auf Satire ist wunderbar, gar beispiellos. Wil Tourismus nahm Giacobbo mit einer netten Geste den Wind aus den Segeln. Eine Provokation wandelte sich in eine Gefälligkeit. Und die Gefälligkeit wandelt sich aus aktuellem Anlass – leider einem zu tiefst verabscheuungswürdigen – nun in eine Botschaft: «Wil est Charlie.»

philipp.haag@wilerzeitung.ch