Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

WIL: "Es gibt auch böse Menschen"

Wie blickt man in die Seele von Mördern und Vergewaltigern? Die forensische Psychiaterin Christiane Thomas-Hund über menschliche Abgründe, das Gute und Böse in uns allen und den immerwährenden Versuch, eine Person zu erfassen.
Christiane Thomas-Hund, forensische Psychiaterin. (Bild: Ralph Ribi)

Christiane Thomas-Hund, forensische Psychiaterin. (Bild: Ralph Ribi)

Frau Thomas-Hund, Sie sind Chefärztin der Forensik an der Psychiatrischen Klinik in Wil. Was ist Ihre Aufgabe?
Wir erstellen für die Staatsanwaltschaft Gutachten über Straftäter. Schon in meiner früheren Stelle an der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen im Kanton Thurgau habe ich Gutachten erstellt, zum Beispiel auch für die Suva oder das Versicherungsgericht. Für die Justizvollzugsbehörden habe ich zudem beurteilt, ob Straftäter nach mehreren Jahren einer Massnahme aus psychiatrischer Sicht eine verbesserte Rückfallprognose haben.

Wie sprechen Sie im Rahmen einer Gutachtenerstellung mit einem Mörder oder einem Sexualstraftäter?
Eigentlich genauso wie mit jemandem, der 15 Einbrüche verübt hat. Für mich lauten die zentralen Fragen: Hat der Täter eine psychische Krankheit? Oder ist er jemand, der aus kühler Berechnung gehandelt hat? Ich versuche also zuerst, eine Person zu erfassen. Es gibt Menschen, die zu Mördern werden und deren Motive ich nachfühlen kann. Damit will ich solche Taten nicht bagatellisieren. Aber manchmal merkt man, wie die Einengung einer Situation jemanden immer weiter unter Druck gesetzt hat. Es gibt aber auch Situationen, wo mein Gefühl sehr stark beim Opfer ist. Ich frage mich dann: Wie konnte diese Tat passieren?

Nimmt die Zahl psychisch auffälliger Straftäter zu?
Nein. Das wird zwar immer geschrieben, aus meiner Sicht lässt sich eine Zunahme jedoch nicht feststellen. Hier unterscheidet sich die Situation von der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Zudem müssen wir genau unterscheiden: In manchen Fällen hat die Störung mit dem begangenen Delikt zu tun, in manchen aber auch gar nicht. So kann es sein, dass ein schizophrener Täter seine Krankheit einigermassen im Griff hat und einen Diebstahl begeht, der überhaupt nichts mit seiner Krankheit zu tun hat.

Warum begehen Menschen manchmal furchtbare Taten?
Das weiss ich nicht.

Gibt es denn böse Menschen?
Es gibt auch böse Menschen. Die Grenzen sind aber fliessend. Es gibt Böses in guten Menschen und es gibt Gutes in bösen Menschen. Bestimmt ist es Ihnen auch schon passiert, dass Sie etwas getan haben, wofür Sie sich im Nachhinein schämten. Es muss ja nicht gerade ein Mord sein. Aber es gibt Situationen, in denen wir Menschen wehtun, ohne dies zu wollen. Schwierig finde ich allerdings, wenn es Menschen Vergnügen bereitet, anderen Böses anzutun.

Wann werden Menschen gefährlich?
Es ist meistens eine Kombination verschiedener Aspekte: eine schwierige Lebensgeschichte, mangelnde Kompetenz, mit Konflikten gut umzugehen, ein schlechtes Umfeld, fehlender sozialer Rückhalt, aber auch unzureichende Orientierung an Normen und Werten. Dann kann zusätzlich noch eine psychische Störung dazukommen. Wenn ich zum Beispiel immer Drogen nehme, wenn es mir schlecht geht, vermindere ich meine Fähigkeit, mit Bedacht auf eine Situation zu reagieren.

Sind psychisch kranke Straftäter auch hier in Wil untergebracht?
Es kann vorkommen, dass ein Insasse etwa in der offenen Strafanstalt Saxerriet in eine Krise gerät. Ein Mann wird zum Beispiel von seiner Frau verlassen und droht, sich das Leben zu nehmen. Oder er hatte schon vorher eine psychische Krankheit, die vielleicht gar nichts mit seiner Tat zu tun hat. Ist die Krise so stark, dass sie nicht an Ort ambulant behandelt werden kann, machen wir hier in der Psychiatrischen Klinik Wil eine sogenannte Krisenintervention.

Wie viele Fälle sind das?
Aktuell betreuen wir hier zwei Patienten dieser Art. (red)

Hinweis
Das Interview ist eine gekürzte Fassung eines Gesprächs mit Christiane Thomas-Hund, das in der Ausgabe vom 18. Dezember 2016 in der «Ostschweiz am Sonntag» erschienen ist.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.