WIL: Er baut weiterhin an der Zukunft

Seit über 25 Jahren engagiert sich Pierre Ruppanner in Osteuropa. Der Wiler Architekt, der in seiner Heimatstadt einst das Alleeschulhaus renovierte, in dem er selbst den Unterricht besuchte, hat in Rumänien zahlreiche Projekte verwirklicht.

Ursula Ammann
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Pierre Ruppanner im Dachstock seines Hauses in Wil, den er noch auszubauen plant. Den Grossteil seiner Zeit verbringt der 83-Jährige jedoch in Rumänien, wo er derzeit eine Touristenpension mitleitet. (Bild: Ursula Ammann)

Pierre Ruppanner im Dachstock seines Hauses in Wil, den er noch auszubauen plant. Den Grossteil seiner Zeit verbringt der 83-Jährige jedoch in Rumänien, wo er derzeit eine Touristenpension mitleitet. (Bild: Ursula Ammann)

Ursula Ammann

ursula.ammann@wilerzeitung.ch

Eigentlich hätte die Reise damals nach Guatemala gehen sollen. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) fragte Pierre Ruppanner an, nach einem Erdbeben einen Einsatz im zentralamerikanischen Staat zu leisten. Der Wiler Architekt befand sich auf einer Liste von Spezialisten für das ­Katastrophenhilfekorps. Doch im selben Telefonat, in dem Pierre Ruppanner erfuhr, dass bereits ein anderer für Guatemala gefunden sei, bekam er mit, dass man ihn in Rumänien gut brauchen könnte. «Ich sagte denen, dass ich schon gepackt habe und dass sie mich hinschicken dürfen, wohin sie wollen, einfach nicht zum Mond», erzählt der 83-Jährige.

So kam Ruppanner 1990 nach Rumänien. Der Einsatz stand im Zusammenhang mit den poli­tischen Umwälzungen nach der rumänischen Revolution. Ruppanners Aufgabe war es, ein Heim, in dem körperlich und geistig behinderte Kinder lebten, zu renovieren. Dieses befand sich mitten im Wald neben einer ­Nationalstrasse. «Ein schattiger und dunkler Ort», erinnert er sich. Der Wiler stiess nicht nur auf bauliche, sondern auch auf betriebliche Defizite. «Die Kinder waren sehr schlecht betreut», ­erzählt Ruppanner, der selbst ­Vater ist. Vor allem aber be­elendete ihn, wie sie vom Staat als Menschen zweiter Klasse behandelt wurden.

Viel Bürokratie statt Rückendeckung

Die ersten drei Jahre diente der Wiler dem Katastrophenhilfekorps, dann war er für verschiedene Hilfswerke im Einsatz. Teilweise hatte er drei Projekte ­parallel am Laufen. «Ich kam ­dadurch viel herum im Land», sagt Pierre Ruppanner. Mit der Sprache war er schnell vertraut, mit der Mentalität ebenfalls. Er lernte deren Vor- und Nachteile kennen. «Das Gute ist, dass die Rumänen auch mal fünfe grad sein lassen können», sagt Pierre Ruppanner. Dafür hat er erlebt, dass man es mit der Genauigkeit und der Sorgfalt nicht so genau nimmt. Ruppanner nennt ein Beispiel: «Wenn ein Handwerker ­einen Nagel einschlagen muss und der Hammer fünf Meter von ihm entfernt liegt, dann nimmt er für die Arbeit lieber die Zange, weil er die schon in der Hand hat.» Allerdings, fügt der Wiler an, habe sich in all den Jahren vieles stark gebessert.

Eines der letzten grösseren Projekte, die Pierre Ruppanner für ein Hilfswerk ausführte, war der Bau von drei Wohnhäusern für rumänische Familien. Diese verpflichteten sich vertraglich, je fünf Pflegekinder bei sich aufzunehmen. Für die Betreuung erhielt die Familienmutter jeweils einen Lohn. Derweil waren die Väter weiterhin drauf angewiesen, einer Arbeit nachzugehen. «Es gab für sie in der Nähe aber keine Stelle», sagt Pierre Ruppanner. Nachdem es in Zusammenarbeit mit der Stiftung nicht gelang, den drei Männern Arbeit zu beschaffen, beschloss er, privat eine Firma zu gründen und die Familienväter zu beschäftigen. Keiner von ihnen war vom Baufach. So begann Ruppanner, sie zu schulen – sei es im Plattenlegen, im Schreinern oder im Isolieren. Eine Lehre wie man sie in der Schweiz kennt, hatten diese Männer nicht. «Ich erlebte, dass in Rumänien entweder alles in der Theorie vermittelt wird oder dann auf volkstümlich Art und Weise: in dem man einfach abschaut», erklärt Ruppanner.

Die zumindest teilweise Einführung des dualen Bildungs­systems war ein weiteres An­liegen Ruppanners: Er gründete die ­Stiftung Femenaj und stellte mit Fachfrauen aus der Schweiz und Rumänien ein Bildungs­programm für Hauswirtschaftsangestellte auf die Beine. Analog zur Gewerbeschule in der Schweiz. Sieben Lehrtöchter – sie arbeiteten in Heimen, Haushalten, in Kantinen und anderen Orten – machten einen Abschluss. Doch die Rückendeckung vom Staat habe gefehlt, sagt Pierre Ruppanner. Vielmehr bekam er die Büro­kratie in diesem Land zu spüren. Derzeit ruht die Stiftung. Es könne aber gut sein, dass sie noch einmal zum Leben erwache, sagt der 83-Jährige, denn in diesem Bereich tue sich grad einiges.

Derzeit gilt sein Augenmerk einer Touristenpension, die er selbst projektiert hat und die er heute als Mitglied einer Troika (Dreiergespann) mitleitet. Erfahrungen im Gästebereich hat Ruppanner von früher, zog er doch einst das Café Löffeli im Haus Vulkan an der Oberen Bahnhofstrasse in Wil auf. Zudem war er als Reiseleiter tätig.

An neuen Ideen und Plänen fehlt es Pierre Ruppanner keineswegs. «Ich habe noch einiges vor», sagt der 83-Jährige. Und es sei ja auch noch Zeit. «Ich habe mir zum Ziel gesetzt, 105 Jahre alt zu werden.»