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WIL: Eisenbahnern zum Zug verholfen

100 Jahre alt wird die SP Wil dieses Jahr. Ihre Entstehung war eine Reaktion auf die Nöte der Arbeiterschaft. In den Anfängen wehte den Sozialdemokraten in der katholisch geprägten Äbtestadt aber ein rauer Wind entgegen.
Ursula Ammann
Im «Landhaus» Wil fand die formelle Gründung der SP Wil statt. (Bild: ETH Bildarchiv)

Im «Landhaus» Wil fand die formelle Gründung der SP Wil statt. (Bild: ETH Bildarchiv)

Ursula Ammann

ursula.ammann@wilerzeitung.ch

Herbst 1917: In Europa tobte der Erste Weltkrieg. Die Preise für Lebensmittel schossen drastisch in die Höhe. Die Löhne hingegen stagnierten. Wehrmänner verloren durch den Einsatz in der Armee ihre Jobs. Familien hungerten. Die Verarmung in der Bevölkerung war massiv.

In dieser Zeit der allgemeinen Notlage entstanden viele Sektionen der Sozialdemokratischen Partei. Auch jene in Wil. «Wil war ein typischer Eisenbahnerort», sagt Max Lemmenmeier, SP-Kantonsrat und Historiker aus St. Gallen. Das Eisenbahnpersonal – darunter waren diverse Berufsgruppen vom Heizer bis zum Kondukteur vertreten – galt denn auch als grosse und wichtige Ansprechgruppe der SP Wil. Es waren Menschen, die sehr stark unter der Teuerung litten und für die sich die Sozialdemokraten stark machten. Als es im Herbst 1918 zum Generalstreik kam, von dem auch Wil nicht verschont blieb, bildeten die Eisenbahner in der Äbtestadt neben den Bauarbeitern eine der am meisten involvierten Gruppen. Die SP setzte sich damals an vorderster Front für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ein. Das kam nicht nur gut an. Selbst innerhalb der Arbeiterschaft hätten die Streiks zu Auseinandersetzungen geführt, sagt Max Lemmenmeier.

Ein Fremdkörper im schwarzen Wil

Der SP Wil wehte in den Anfängen ein rauer Wind entgegen. Zwar gab es bereits etablierte Vorläufer der Sozialdemokratischen Partei, die ähnliche Ziele vertraten: Etwa, die Arbeiterunion, unter deren Dach Gewerkschaften zusammengeschlossen waren oder auch der Grütliverein. Die SP grenzte sich jedoch insofern von diesen ab, als sie sich marxistische Ziele wie den Klassenkampf auf die Fahne schrieb. «Nicht halb links, sondern ganz links», lautete der Slogan, unter dem sich Sozialdemokraten organisierten.

Diese Besinnung auf den Marxismus habe das Bürgertum auch als Bedrohung empfunden, sagt Max Lemmenmeier. Dies auch vor dem Hintergrund der Oktoberrevolution 1917 in Russland, in welche die Gründung der SP Wil historisch eingebettet war.

Im schwarzen Wil galten die Sozialdemokraten als Fremdkörper. «Die Partei litt von Anfang an unter Angriffen», sagt Max Lemmenmeier. Doch die Genossen setzten sich ebenso entschieden zur Wehr, was unter anderem in der «Volksstimme» vom Januar 1918 zum Ausdruck kommt. Darin heisst es: «Der Wiler Bote, das Käseeinwicklungspapier des Bezirks Wil, schämt sich nicht, die Arbeiterschaft mit so blöden und einfältigen Bemerkungen vom Einritt in die neugegründete sozialdemokratische Partei auf hiesigem Platze abzuschrecken, die eine energische Zurückweisung verdient.» Diese Zeitung bringe die Reichtümer von Bebel, Jaures, Marx, im Gegensatz zum Proletarierelend wieder einmal aufs Tapet und merke dabei nicht, wie mit solchen Vergleichen niemand mehr kompromitiert werde als jene, die heute sich als die direkten Nachfolger und Diener jenes Religionsstifters ausgäben, der aus Armut in einem Stalle auf Heu und Stroh geboren worden sei, heisst es in der «Volksstimme». Es folgte der Aufruf, sich nicht «durch solche Mätzchen» vor der Sozialdemokratie abschrecken zu lassen: «Arbeiter auf! Samstag abend 8 Uhr im ‹Signal›». Die Gründungsversammlung der SP Wil ging jedoch nicht im «Signal» über die Bühne, sondern im «Landhaus» Wil.

Von den Arbeitern zur breiten Wählerschaft

Wie die «Volksstimme» berichtete, fand die formelle Gründung am 17. November 1917 statt, nachdem am Sonntag zuvor rund hundert Personen an einem Vortrag von Arbeitersekretär Fähndrich aus Zürich teilgenommen hatten. Ziel war von Anfang an, an Wahlen teilzunehmen, um Einfluss zu gewinnen. Erfolg hatte die SP Wil im Mai 1919, als einer ihrer Vertreter ins Bezirksgericht gewählt wurde. Im Laufe der 1920er-Jahre schaffte es ein Exponent der SP Wil in den Kantonsrat. Heute hat die Äbtestädter Sektion mit Nationalrätin Barbara Gysi sogar ein auf Bundesebene bekanntes Gesicht vorzuweisen.

Die wichtigsten Themen auf der politischen Agenda der SP Wil waren geprägt vom nationalen Geschehen. Neben dem Generalstreik 1918 setzte sich die Partei auch im Kampf für die Gleichstellung von Mann und Frau ein, welche letztlich zum Frauenstimmrecht führte. Und natürlich ging es immer wieder um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Während die SP früher eindeutig von Arbeitern gewählt worden sei, präsentiere sich die Wählerschaft heute sehr breit, sagt Max Lemmenmeier. Ebenso verhalte es sich mit den Mitgliedern der Partei. Davon zählt die SP Sektion Wil 85. Am Samstag feiert sie im Stadtsaal das 100-jährige Bestehen. Ganz nach dem Motto: «Es braucht uns auch noch in den nächsten 100 Jahren.» Neben der Wiler Nationalrätin Barbara Gysi wird auch Christian Levrat, Parteipräsident der SP Schweiz, eine Ansprache halten.

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