WIL: Eine Freundschaft wie in Stein gemeisselt

1000 Kilometer trennen sie und doch sind sie sich seit 25 Jahren nah: Die Stadt Wil und ihre Partnergemeinde Dobrzen Wielki in Polen. Letztere hat sich massiv entwickelt, aber erst kürzlich einen grossen Rückschlag erlitten. Ende Oktober kommt es zu einem Wiedersehen.

Ursula Ammann
Drucken
Teilen
Als Dank für den finanziellen Beitrag an den Bau einer Gasleitung errichteten die Polen für die Wiler einen Gedenkstein. (Bild: PD, September 2006)

Als Dank für den finanziellen Beitrag an den Bau einer Gasleitung errichteten die Polen für die Wiler einen Gedenkstein. (Bild: PD, September 2006)

Ursula Ammann

ursula.ammann@wilerzeitung.ch

Es sei eine reine Frage der Menschlichkeit und der Solidarität, dass eine schweizerische Partnergemeinde mit ihrem Aufschwung in den Wohlstand dem ärmeren Partner unter die Arme greife. Mit diesen Worten appellierte der ehemalige Stadtammann Hans Wechsler im Dezember 1992 ans Parlament, einen Kredit von 320 000 Franken gutzuheissen. Geld für eine bessere Wasserversorgung in Dobrzen Wielki. Geld, das ausreichte, um in der polnischen Partnergemeinde der Stadt Wil 20 Kilometer Leitungen zu verlegen. An einem Ort, an dem es zum Alltag gehörte, das Wasser mit Handpumpen vor dem Haus aus dem Boden zu befördern und vor der Weiterverwendung zuerst zu sieben. Und selbst dann erwies sich die Qualität des Wassers teils noch als gesundheitsgefährdend.

Das Wiler Parlament sah den Handlungsbedarf und genehmigte den Kredit mit 27:8 Stimmen.

11 000 Franken nach einem Sonntagsgottesdienst

Bereits 1991 hatte der Stadtrat entschieden, mit Dobrzen Wielki eine Partnerschaft einzugehen. Im März 1992 besuchte erstmals eine Delegation aus Wil, angeführt von Stadtammann Hans Wechsler, die Gemeinde in Polen. Es war der Anfang eines intensiven Austauschs. Bereits im September desselben Jahres beehrte eine Delegation aus Polen die Stadt Wil. Fast jedes Jahr kam es – entweder in der Schweiz oder in Polen – zu einem Treffen. 1995 konnte der Stadtrat bei einem Besuch in Dobrzen Wielki erfreut feststellen, dass die finanzielle Hilfe aus Wil eine Verbesserung brachte. So war beispielsweise ein 400-Betten-Spital an die Frischwasserleitung angeschlossen, während das Wasser vorher noch abgekocht werden musste.

Der Austausch fand nicht nur unter Politikern statt, sondern erstreckte sich auf die ganze Bevölkerung. So pflegte etwa die Oberstufe Sonnenhof einen regelmässigen Kontakt mit Polen. Bereits im Mai 1997 besuchte zudem eine Klasse der Mädchenschule St. Katharina Dobrzen Wielki. Nur gerade zwei Monate später gab es in der polnischen Partnergemeinde ein Hochwasser, das massive Schäden hinterliess. Die Wiler starteten eine Hilfsaktion, sammelten Gebrauchsgegenstände und brachten diese nach Polen. Zudem kamen 35000 Franken an Spenden zusammen, fast ein Drittel davon resultierte aus einer Sonntagskollekte in der Katholischen Kirchgemeinde Wil.

Noch ein Jahr später seien die Schäden des Hochwassers teils zu sehen gewesen, erinnert sich Rolf Benz. Er reiste in den vergangenen Jahren immer wieder als Delegierter der Stadt Wil in die polnische Partnergemeinde. Seinen ersten Besuch, im Sommer 1998, machte er aber als Vertreter der Stadtmusik. Anlass war neben der 770-Jahrfeier von Dobrzen Wielki auch die Überbringung von Uniformen. Die Stadtmusik war neu eingekleidet worden und vermachte ihre bisherige Garderobe dem lokalen Blasorchester in Polen.

Obwohl durch die Hilfe aus Wil damals schon einiges besser geworden war in Dobrzen Wielki, war Rolf Benz schockiert über die Mängel in der Infrastruktur. Sei es in Bezug auf die Häuser, die Gasleitungen oder die Verkehrsnetze. «Die Reise führte über holprige Strassen, und es dauerte eine Ewigkeit, bis wir dort angekommen sind», sagt Rolf Benz. Eine Autobahn habe noch nicht existiert. Handkehrum war Benz von Anfang an überwältigt von der Gastfreundschaft der Polen. «Sie hätten ihr letztes Hemd für uns hergegeben, obwohl sie selbst fast nichts besassen», sagt er. Diese Gastfreundschaft habe bis heute nicht nachgelassen.

Demonstrationen und Hungerstreiks halfen nicht

Im Jahr 2002 unterstützte die Stadt Wil die Partnergemeinde im Osten mit eine Beitrag von gut 200 000 Franken für eine Gasleitung. Als Polen zwei Jahre später der EU beitrat, beschlossen Wil und Dobrzen Wielki gemeinsam, dass das finanzielle Engagement beendet wird. Man entschied sich dennoch, die Partnerschaft aufrechtzuerhalten. Es blieb bei regelmässigen Besuchen. Zudem fand nun ein fachlicher Austausch zu verschiedenen Themen statt. Mal fuhren die Wiler nach Polen, um sich ein Bild über das reiche Kulturangebot Dobrzen Wielkis zu machen, mal die Polen nach Wil, um Bauprojekte zu besichtigen.

Obschon Dobrzen Wielki in den vergangenen Jahren einen massiven Aufschwung erlebt hat, ist die Gemeinde dort heute mehr denn je auf Unterstützung angewiesen. Anfang Januar erlitt sie einen schweren Rückschlag. Gegen den Willen der Bevölkerung wurde ein Teil Dobrzen Wielkis, das aus neun Ortschaften (Schulzenämtern) besteht, von der Regierung der Stadt Opole annektiert. Briefe, Demonstrationen und Hungerstreiks nützten nichts. Insgesamt fünf der Ortschaften, über ein Drittel der Einwohner und rund zwei Drittel der Steuereinnahmen gingen dadurch verloren. Eine neu gebaute Schule, die den Wilern vor zwei Jahren mit Stolz präsentiert wurde, gehört nun einfach nicht mehr zur Gemeinde. «Das tat der Bevölkerung dort sehr weh», sagt Rolf Benz.

Vor zwei Monaten stattete der Wiler Dobrzen Wielki erneut einen Besuch ab. «Ich bin davon ausgegangen, Menschen anzutreffen, die den Kopf hängen lassen», sagt Rolf Benz. Stattdessen sei er auf «Stehaufmännchen» gestossen, die viel Motivation aufbringen, um auf der spärlichen Basis, die sie haben, wieder etwas aufzubauen.

Ende Oktober wird eine Gruppe von 16 Personen aus der polnischen Partnergemeinde nach Wil kommen. Unter anderem steht im Rahmen des fachlichen Austauschs die Besichtigung des Thurvita-Alterszentrums Sonnenhof an. «Betreutes Wohnen im Alter» ist ein Thema, das derzeit auch in Dobrzen Wielki beschäftigt. In diesen und anderen Bereichen könne man der Partnergemeinde auch heute noch Unterstützung bieten, sagt Rolf Benz. Nicht finanziell wie vor 25 Jahren, aber vielleicht mit Materialspenden. Und auf jeden Fall stehe Wil Dobrzen Wielki jederzeit beratend zur Seite.