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WIL: Ein Schrecken mit Ende für das Kollektiv

Es gibt Fragen, die verdrängt man einfach. Zum Beispiel jene nach der eigenen letzten Lebensstunde. Wie werde ich sie erleben? Mögliche Antworten darauf gab es am Samstag im Wiler Hof.
Die Tanzkompagnie Rotes Velo liess das Publikum mit «Eine Stunde auf Erden» sowohl real als auch innerlich frieren – Glühwein hin, Wolldecken her. (Bilder: Christof Lampart)

Die Tanzkompagnie Rotes Velo liess das Publikum mit «Eine Stunde auf Erden» sowohl real als auch innerlich frieren – Glühwein hin, Wolldecken her. (Bilder: Christof Lampart)

Für Leseratten ist es gut zu wissen, dass dann vermutlich genügend Lesestoff vorhanden sein wird, wenn es einmal so weit sein sollte. Zwar zerfetzt, aber immerhin: es wird dannzumal noch Bücher geben, die nicht verfeuert wurden. Aktuell liegen lose Seiten wahllos verstreut im Dachgeschoss des Wiler Hofes. Und das ist keineswegs selbstverständlich. Denn das, was die St. Galler Tanzkompagnie Rotes Velo am Samstagabend im Dachgeschoss des Wiler Hofes vor rund 20 Zuschauerinnen und wenigen Zuschauern im vielschichtigen Werk «Eine Stunde auf Erden» zeigte, gab genügend Stoff zum inneren Nachdenken und äusseren Frieren. Da wäre doch ein schönes Feuerchen gerade das Passende; ganz egal, ob man zuvor Glühwein und Wolldecken ausgehändigt bekam oder nicht?

Menschlichkeit bei 40 Grad minus?

Denn diese Stunde sollte für alle die letzte im eigenen Leben sein. Es galt also, sowohl individuell als auch kollektiv, Bilanz zu ziehen, was schwer war, denn man fand sich gleich am «Tag danach» wieder, irgendwann, nach dem nuklearen Holocaust. Wie bewahre ich mir in meiner letzten Stunde einen Rest an Menschlichkeit? Notabene bei Temperaturen von minus 40 Grad, grassierendem Kannibalismus, aufkeimendem kollektiven Zynismus und fehlenden Erfahrungswerten? Da wird getrommelt, geschrien, gezuckt und gesungen, als gebe es kein Morgen mehr – und dem ist tatsächlich so. Entsprechend ist auch alles erlaubt, alles möglich. Denn schon in den ersten Sätzen des Abends macht ein Sprecher klar, dass «nach dieser Stunde draussen die Welt, wie wir sie kennen, aufgehört hat, zu existieren».

Die Botschaft ist klar: solange wir dieser Performance beiwohnen, so lange dauert unsere «letzte Stunde». Solange die Menschheit zusammenhält, lassen sich alle Probleme lösen – das wollen die sechs Tänzer und Musiker um die beiden künstlerischen Leiter Exequiel Barreras und Emilio Diaz Abregu ausdrücken. Natürlich werden auch Versuche unternommen, das Geschehene zu erklären – doch der Schrecken des Nichterklärbaren lässt sich nun einmal nicht in Worte fassen. Am Ende bleibt das Publikum – inmitten gedruckter Worte – beeindruckt, aber sprachlos zurück. Nur ein Gedanke dürfte allen gemeinsam sein: eine solche letzte Stunde wünscht sich niemand. Weder auf Erden, noch sonst wo.

Christof Lampart

redaktion@wilerzeitung.ch

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