WIL: Ein Kampf für die Handarbeit

Mit dem neuen Schuljahr wird in Wil der vieldiskutierte Lehrplan 21 eingeführt. Lehrerin Rita Scheiwiller ist nicht nur glücklich damit. Es werde scheibchenweise bei Fächern wie Handarbeit und Hauswirtschaft gekürzt.

Simon Dudle
Drucken
Teilen
Fürs Foto sitzt Rita Scheiwiller an der Nähmaschine. Im Schulalltag braucht sie diese allerdings immer seltener. (Bild: Simon Dudle)

Fürs Foto sitzt Rita Scheiwiller an der Nähmaschine. Im Schulalltag braucht sie diese allerdings immer seltener. (Bild: Simon Dudle)

Das hat es an der Oberstufe Lindenhof in Wil seit der Eröffnung vor über zwei Jahrzehnten noch nie gegeben: In der 2. Real findet im neuen Schuljahr keine Handarbeit mehr statt. Das Fach ist im neuen Lehrplan, der im August in Wil startet, nicht mehr Pflicht, sondern kann von den Schülern unter mehreren Fächern gewählt werden. Da in Wil viele Mädchen im «Kathi» unterrichtet werden und Schülerinnen sich zunehmend auch fürs Werken statt der Handarbeit entscheiden, kommt es zu diesem Novum.

Keine Freude an dieser Entwicklung hat Rita Scheiwiller, die seit 23 Jahren an der Oberstufe Lindenhof Handarbeit, Hauswirtschaft, Werken und Bildnerisches Gestalten unterrichtet. Sie sagt: «Bei jeder Lehrplanänderung müssen wir kämpfen, dass in diesem Bereich nicht noch mehr abgebaut wird. Das geschieht in kleinen Scheibchen.» Die Entwicklung lässt sich laut Scheiwiller auch am Fach Hauswirtschaft aufzeigen. Der Trend gehe in Richtung Theorie, und es bleibe nur noch halb so viel Zeit fürs eigentlichen Kochen.
 

Bedeutung der Handarbeit hat abgenommen

Rita Scheiwiller ist nicht länger bereit, diese Veränderungen zu Ungunsten der Handarbeit und Hauswirtschaft einfach so hinzunehmen. «Feinmotorische Fähigkeiten rücken immer mehr in den Hintergrund, weil zum Beispiel die Vorbereitung auf Kanti-Aufnahmeprüfungen für die Schüler wichtiger ist», sagt sie. Es gehe vergessen, dass speziell im Kanton St. Gallen nur ein kleiner Prozentsatz der Jugendlichen an eine weiterführende Schule wechsle. Der ganze Rest absolviere eine Berufslehre, wo in vielen Bereichen handwerkliches Geschick eine der wichtigsten Voraussetzungen zu einem erfolgreichen Abschluss sei.

Für die Bronschhoferin ist Handarbeit aber «ganzheitliche Bildung», weil dabei diverse andere Fächer angewandt werden. «Mathematik, Deutsch, aber auch geschichtliche und geografische Aspekte fliessen ein», sagt Scheiwiller. «Es ist ein Konzentrat an Fähigkeiten. Das merken viele Leute leider nicht.»
 

Hilfeschrei in Richtung Kanton

Die Lehrerin hat festgestellt, dass die Kompetenzen der Schüler in diesem Fach in den vergangenen Jahren sukzessive abgenommen haben. «Heute ist es nicht mehr selbstverständlich, dass man in der Oberstufe stricken oder geradeaus nähen kann. Dass die Kompetenzen abnehmen, merkt man immer erst ein paar Jahre später», sagt Scheiwiller.

Nun hat sie genug und tritt an die Öffentlichkeit. Scheiwiller ist überzeugt, dass viele ihrer Berufskolleginnen die Situation gleich einschätzen, sich aber nicht ins Schaufenster stellen wollen. «Es wäre schön, wenn der Arbeitnehmer, also der Kanton, einen Schritt auf uns Lehrerinnen zu machen würde», sagt sie. «Der Apparat Harmos und der Staat können uns nicht Kompetenzen vor die Nase setzen und mit uns umgehen, wie es für sie grad passt.» Scheiwiller denkt an gezielte Weiterbildungen der Lehrkräfte, um beim drohenden Stundenabbau gerüstet zu sein für andere zeitgemässe Fächer. Ganz konkret fordert die Bronschhoferin aber, dass die Entscheidung, Handarbeit und Werken zu den Wahlpflichtfächern zu schieben, rückgängig gemacht und wieder zum Pflichtfach erklärt werden.