WIL: Ein Blick hinter die Illusion

Mit der «Familie Flöz» war am Freitagabend eine Berliner Theatergruppe auf der Wiler Tonhallenbühne zu erleben. Die Pantomimensprache reichte von Skurrilem bis Slapstick.

Carola Nadler
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Die «Familie Flöz» nahm das Publikum auf eine desillusionierende Reise mit. (Bild: Carola Nadler)

Die «Familie Flöz» nahm das Publikum auf eine desillusionierende Reise mit. (Bild: Carola Nadler)

Carola Nadler

redaktion@wilerzeitung.ch

Dieser Moment, in dem man beginnt, der Illusion im eigenen Leben auf die Spur kommen zu wollen. Spiele ich ein Theater und wie sieht mein Leben hinter der Bühne aus? Oder ist auch das nur eine Illusion, gespielt auf der grossen Weltenbühne? Wer oder was ist meine Realität? Auf der Bühne des Stückes «Teatro Delusio» greifen mehrere Realitäten ineinander. Die Sichtbarste ist ­ die Welt der Hinterbühne. Die eigentliche Bühne ist nur durch die Akteure wahrzunehmen, die durch die Seitengassen auf die Bühne entschwinden. Aber eigentlich beginnt dort ja auch nur eine weitere Hinterbühne. Jene der Tonhalle.

Der Raum, in dem Bühnenarbeiter, Orchestermusiker, Primadonnen und Putzfrauen aufeinandertreffen: Die Rückseite von prachtvollen Barockinterieurs und postmodernen Bühnenbildern, zusammengezimmert aus Dachlatten und Holzplatten, voller Kabelgewirr, Requisiten und Werkzeugen. All diese Menschen leben von der Illusion, sind Teil der Illusion – und versuchen, in diesem Spannungsfeld zwischen Illusion und Desillusion ihr Leben und Arbeiten zu meistern. Wer kann es dem alternden Bühnenmeister vergönnen, wenn er verschroben wird, im Schrankkoffer seine Pasta zubereitet, Fussball schaut und sich in einem Tagtraum verliert, in dem die Primadonna als seine Geburtshelferin fungiert?

Auch ohne Worte Gefühle vermittelt

«Familie Flöz» war vor einigen Jahren bereits einmal zu Gast in Wil, damals mit dem bizarren «Hotel Paradiso». Was immer wieder fasziniert: Wie so unendlich viele zwischenmenschliche Botschaften ganz ohne Worte verstanden, wie Gefühle gespürt und mitempfunden werden können. Und das mittels übergrosser, starrer Masken. Die Figuren zeigen Karikaturen, die beim Zuschauer den Wiedererkennungseffekt hervorrufen: Man trifft auf Stereotypen, die eine Erwartungshaltung bedienen. Natürlich agieren diese Figuren auch ihrem Typus entsprechend: Der geistesabwesende Bühnenarbeiter trifft auf eine kleine Ballerina, ist aber zu schüchtern, um sie anzusprechen. Ein seniler Violinist vergisst sich auf einem Stuhl. Eine Primadonna – nun, sie verhält sich eben genauso, wie man es von einer Primadonna hinter der Bühne erwartet.

Putzfrau erweitert den Horizont

Während von der Bühne Händel-Arien und Tschaikowski-Suiten ertönen, während dort Slapstickkomödien ihren Lauf nehmen, spielt sich hinter der Bühne das ganz normale Leben zwischen Konkurrenz, Missgunst, Kollegialität, Melancholie und Herzklopfen ab. Spätestens der Auftritt der Putzfrau beraubt einen der Illusion, dass die fantastische Welt der grossen Bühnen hinter den Kulissen weitergeht.

Das Publikum in der voll besetzten Tonhalle zeigte sich begeistert und liess sich bereitestwillig auf diese Reise hinter die Bühne mitnehmen. Wird man in Zukunft mit einem anderen Blick ins Theater gehen?