Wil
Drillen statt chillen: Warum Quentin dreimal pro Woche den Köder auswirft

Jugendliche mit Patent dürfen in der Stadt Wil fischen. Einer von ihnen ist der zwölfjährige Quentin. Ein Augenschein am Wiler Stadtweier beim Hechtfischen.

Sara Stojcic
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Quentin fischt in seiner Freizeit gerne. In seiner Hand hält er ein Egli.

Quentin fischt in seiner Freizeit gerne. In seiner Hand hält er ein Egli.

Bild: Sara Stojcic

Quentin Henke schaut auf seine Fischerrute und sagt: «Mein Ziel für diese Saison ist ein Hecht.» Er hat diesen Sommer mit dem Fischen begonnen, als er ein Fischer-Set geschenkt bekommen hat. Begonnen hat für den heute Zwölfjährigen jedoch alles in einem Ferienplausch am Stadtweier im vergangenen Herbst. Dort schnupperte er bei der Jugendfischerei zum ersten Mal für einen Tag Fischerluft. Und nun wirft der Jugendliche dreimal in der Woche den Köder am Weier aus. Was ihm an seinem Hobby gefällt? «Der Drill, wenn es ein grosser Fisch ist», lacht Quentin. Damit ist das Heranziehen des Fischs gemeint. Für ihn sind ausserdem der feine Fisch zum Znacht und die Leute, die man trifft, Argumente fürs Fischen.

Hat den 43 Zentimeter grossen Fisch gefangen: Jerome Herzog.

Hat den 43 Zentimeter grossen Fisch gefangen: Jerome Herzog.

Bild: PD

Hechtfischen für die Jugendlichen

Die Jugendfischerei am Stadtweier veranstaltet vom Frühling bis Herbst Hechtfischen unter Aufsicht. Der ehrenamtliche Fischereiaufseher, Roman Hediger, bereitet die Köder und Ruten in der sogenannten Fischer-Höhle vor. «Am Stadtweier dürfen nur Jugendliche im Alter von zwölf bis 16 Jahren mit Patent fischen», sagt er. Dies sei zum Schutz der Tiere. «Wenn alle fischen dürften, käme es zur Überfischung», erklärt der Fischer. Anfang Jahr gibt es einen Einführungskurs, bei dem die Jugendlichen in eine saubere Fischerei eingeschult werden und lernen, wie mit dem Fisch umzugehen ist. Hediger selbst habe auch schon als Kind angefangen. «Ich war einmal mit meinem Vater in Irland in den Ferien, dort hatte ich das erste Mal gefischt. Und nun ist es schon seit 20 Jahren mein Hobby», sagt der bald 27-Jährige. Am Stadtweier hat er vieles erlebt: «Letzte Woche wurde ein 43 Zentimeter grosser Egli gefischt», sagt Hediger und führt fort:

«Das war ein schöner Fang.»
Aufseher Roman Hediger erklärt, welche Fische es im Stadtweier gibt.

Aufseher Roman Hediger erklärt, welche Fische es im Stadtweier gibt.

Bild: Sara Stojcic

Normalerweise werden diese Fischarten nur etwa 15 bis 30 Zentimeter lang. Meistens fischen die Jugendlichen Rotfedern. Diese sind im Stadtweier reichlich vorhanden und werden etwa 20 Zentimeter gross, gelegentlich auch deren 30. Karpfen, Schleien und Eglis kommen im Stadtweier ebenfalls vor. Betreuer Hediger erklärt: «Für die Jugendlichen ist jedoch der Hecht immer das grösste Ziel, da er über einen Meter lang werden kann. Je grösser der Fisch, desto interessanter.»

Leider passieren manchmal auch unschöne Dinge: «Immer wieder stossen wir auf Goldfische, die von Leuten im Weier ausgesetzt werden. Sogar eine Schildkröte gab es einmal», so der 26-Jährige.

Tierschutz geht vor

Laut dem Tierschutzgesetz dürfen keine Tiere gefischt werden, wenn es keine Absicht zur Konsumation gibt. Sprich: Man darf also nur fischen, wenn der Fisch auch gegessen wird. Hediger erklärt:

«In den Niederlanden ist das zum Beispiel vollkommen anders: Dort ist es erwünscht, die Tiere wieder freizulassen.»
Ein guter Umgang mit den Fischen ist wichtig. Der Fisch muss mit nassen Händen angefasst werden.

Ein guter Umgang mit den Fischen ist wichtig. Der Fisch muss mit nassen Händen angefasst werden.

Bild: Sara Stojcic

Quentin Henke zieht den kleinen Fisch aus dem Wasser und fasst ihn mit nassen Händen an. «Dies ist Pflicht bei Fischen, die wieder zurück ins Wasser kommen. Das macht Quentin auch», sagt der Aufseher. Wenn die Fangmindestmasse nämlich nicht erreicht wird, muss der Fisch wieder freigelassen werden.

Guido Bundi vor der Fischer-Höhle beim Stadtweier.

Guido Bundi vor der Fischer-Höhle beim Stadtweier.

Bild: Arcangelo Balsamo

Jugendfischerei seit 1999

Das alles sei Guido Bundi zu verdanken, verweist der junge Aufseher und zeigt auf die Karikatur in der Fischer-Höhle. Tatsächlich kreuzt der gebürtige Aargauer in diesem Moment gerade auf und kann seine Geschichte selbst erzählen: «Ich habe schon als Junge gefischt und tue das schon seit 50 Jahren an der Thur. Im Jahr 1999 hat mich die Stadt Wil angesprochen, ob ich den Weier bewirtschaften wolle», sagt der heute 81-Jährige. «Dann habe ich ebenfalls die Jugendfischerei übernommen. In den ersten Jahren waren es ungefähr 20 Jugendliche im Jahr, heute sind es bis zu 80», führt der Vollblutfischer fort.

Im Jahr 2016, nach 17 Jahren als Betreuer der Jugendfischerei, hat Bundi die Leitung an Rico Eigenmann und seine Stellvertretung Roman Hediger abgegeben. Die beiden Fischer hatten sich als zwölfjährige Buben bei der Jugendfischerei kennen gelernt und sind seither Freunde fürs Leben. «Ich sehe Rico öfter als meine Freundin», lacht Hediger. Für Bundi seien die beiden die richtige Wahl gewesen. Er sagt:

«Ich hätte mir keine besseren Nachfolger wünschen können.»

Darum treffen sich der zwölfjährige Quentin, sein Betreuer Roman Hediger und der langjährige Fischenthusiast Bundi an einem sonnigen Nachmittag am Wiler Stadtweier und haben eins gemeinsam: die Faszination fürs Fischen.