Wil
Die Suche nach dem «sechsten Stadtrat» verzögert sich: Stelle des Stadtschreibers muss neu ausgeschrieben werden

Vieles deutet darauf hin, dass diesem Schritt Widerstand aus dem Parlament gegen die vom Stadtrat favorisierte Person zugrunde liegt. Denn die Stadtregierung hatte bereits einen aus ihrer Sicht wählbaren Kandidaten gefunden. Trotzdem geht das Bewerbungsverfahren nun in eine zweite Runde.

Gianni Amstutz
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Um einen geeigneten Stadtschreiber für die Stadt Wil zu finden, ist eine zweite Stellenausschreibung nötig.

Um einen geeigneten Stadtschreiber für die Stadt Wil zu finden, ist eine zweite Stellenausschreibung nötig.

Bild: Fotolia

Im vergangenen Jahr fand ein Exodus auf der Wiler Stadtkanzlei statt. Nachdem Stadtschreiber Hansjörg Baumberger seine Kündigung per Ende September eingereicht hatte, verliess auch sein Stellvertreter Samuel Peter die Stadt Wil einen Monat später. Letzterer folgte dem Ruf der ehemaligen Wiler Stadtpräsidentin Susanne Hartmann und amtet neu als Generalsekretär des kantonalen Baudepartements.

Für Samuel Peter konnte im Herbst Ersatz gefunden werden. Sein Nachfolger Olivier Jacot tritt seine Stelle im Februar an. Anders sieht es mit der Stelle des Stadtschreibers aus. Auch nach Monaten der Suche ist diese Stelle vakant.

Eine der wichtigsten Positionen in der Stadtverwaltung

Die Bedeutung dieser Stellenbesetzung darf nicht unterschätzt werden. Der Staatssekretär, das Äquivalent des Stadtschreibers auf kantonaler Ebene, wird gemeinhin als achter Regierungsrat bezeichnet. Dies, weil der politische Einfluss dieser Position durchaus beträchtlich ist. Ähnlich verhält es sich mit dem Stadtschreiber in Wil.

Dieser kann zwar nicht abstimmen, nimmt aber mit beratender Stimme sowohl an den Sitzungen des Stadtrats als auch an jenen des Stadtparlamentspräsidiums teil. Auch deshalb kann der Stadtrat die Stelle nicht einfach selbst besetzen. Stattdessen nominiert er einen Kandidaten, welcher daraufhin durch eine Wahl im Stadtparlament bestätigt wird.

Bis das geschieht, dürfte es aber noch eine Weile dauern. Denn der Stadtrat hat beschlossen, die Stelle nach einer ersten Bewerbungsrunde neu auszuschreiben. Das wirft Fragen auf. Schliesslich hat eine solche Neuausschreibung eine mehrmonatige Verzögerung der Stellenbesetzung zur Folge.

Vakanz belastet Stadtkanzlei zusätzlich

Bis der neue Stadtschreiber gefunden, gewählt und eingesetzt werden kann, dürften mehrere Monate verstreichen. In dieser Zeit wird der neue Stadtschreiber Stellvertreter Olivier Jacot mit Unterstützung von weiteren Mitarbeitenden der Stadtkanzlei die Aufgaben des Stadtschreibers übernehmen. Zudem wird der ehemalige Stadtschreiber Armin Blöchlinger weiterhin die Funktion des Parlamentssekretärs ausüben, was Jacot in diesem Bereich entlastet.

Trotzdem bringt das Andauern der Vakanz eine erhebliche Mehrbelastung für die Stadtkanzlei. Das sei keine ideale Situation, aber immerhin verbessere sie sich im Februar gegenüber vorher, als beide Führungsstellen in der Stadtkanzlei vakant waren, sagt Stadtpräsident Hans Mäder.

Stadtrat hat bereits einen «wählbaren Kandidaten» gefunden

Die Frage bleibt, weshalb der Stadtrat diese Verzögerung in Kauf nimmt. In der offiziellen Medienmitteilung findet sich dafür keine Begründung. Es wird lediglich auf die Neubesetzungen im Stadtrat und im Parlament hingewiesen. Das könnte darauf hindeuten, dass der in vier von fünf Positionen neu besetzte Stadtrat mit den Kandidaten nicht glücklich war, die noch vom Stadtrat in seiner ehemaligen Zusammensetzung das Bewerbungsverfahren durchliefen.

Stadtpräsident Hans Mäder.

Stadtpräsident Hans Mäder.

Bild: PD

Hans Mäder verneint das:

«Wir hatten einen Kandidaten in der engeren Auswahl, der aus Sicht des Stadtrats wählbar gewesen wäre.»

Man habe sich jedoch dazu entschieden, das Feld mit einer zweiten Ausschreibung zu öffnen und auch die Ausschreibungskriterien leicht anzupassen. Anstatt den Schwerpunkt auf eine juristische Ausbildung zu legen, würden neu auch Personen mit einem guten Praxisausweis in Betracht gezogen. Der Stadtrat strebe an, bis Ende März eine Kandidatin oder einen Kandidaten bekanntgeben zu können, sagt Mäder.

Parlament war wohl nicht zufrieden mit Vorschlag des Stadtrats

Eine minim angepasste Ausschreibung kann die zweite Bewerbungsrunde aber nicht restlos erklären, zumal der Stadtrat gemäss Mäder bereits einen valablen Kandidaten gefunden hatte. Vieles deutet also darauf hin, ohne dass Mäder dies ausspricht, dass die Ursache der Neuausschreibung beim zweiten Gremium, das in die Stellenbesetzung involviert ist, zu suchen ist: beim Stadtparlament.

Das wird auch in der Medienmitteilung angedeutet, in der es heisst, der Stadtrat habe «nach Rücksprache mit dem Parlamentspräsidium» entschieden, die Besetzung der Stelle neu anzugehen.

Es scheint so, als habe sich Widerstand aus den Fraktionen gegen die Nomination des Kandidaten angekündigt. Dies hätte im Extremfall darin münden können, dass das Parlament den vom Stadtrat vorgeschlagenen Kandidaten nicht gewählt hätte, was dann ohnehin eine zweite Ausschreibung der Stelle zur Folge gehabt hätte. Oder der neue Stadtschreiber hätte nur den Rückhalt einer kleinen Mehrheit im Parlament gehabt. Beides Szenarien, die der Stadtrat nun mit der Neuausschreibung mutmasslich zu verhindern versucht.