WIL: Die Frau hinter den Zahlen

Nullen und Einsen gehören zu ihrer Sprache. In dieser «Männerdomäne» sind Informatikerinnen selten wie vierblättriger Klee. Die 26-jährige Nicole Falkner ist eine davon, sogar eine ausgezeichnete.

Daniel Wallimann
Drucken
Teilen
Die Informatikerin Nicole Falkner beschäftigt sich beruflich mit Nullen und Einsen, dem binären Code. (Bild: Daniel Wallimann)

Die Informatikerin Nicole Falkner beschäftigt sich beruflich mit Nullen und Einsen, dem binären Code. (Bild: Daniel Wallimann)

Daniel Wallimann

daniel.wallimann@wilerzeitung.ch

Nicole Falkner trägt das Haar so, damit es sie bei der Arbeit nicht stört. Dazu eine glatt gebügelte Hose und ein schwarzes Oberteil mit weissen Punkten darauf. Die 26-Jährige spricht mit gleich­mässiger Stimme und in schnurgeraden Sätzen, ohne «Wenns» und nur mit wenigen «Abers». Zwischen ihren Sätzen lächelt sie scheu, wartet und hört aufmerksam zu.

Kellerkinder und Kung-Fu-Kicks

Auf die Frage, ob Informatikerinnen und Informatiker kauzige Einzelgänger seien, muss sie ein wenig lachen. Die Wilerin passt nicht in die Schublade mit Stereotypen, die man von ihren Berufskollegen so hat. Schwarzunterlaufene Augenringe oder eine fahle Gesichtshaut – Fehlanzeige. «Landläufig hält man uns für ­Kellerkinder, die sich die Nächte mit Computerspielen um die ­Ohren schlagen», sagt sie. Und nie an die frische Luft kämen. Doch das Klischee lässt sie so nicht gelten. «Zwischendurch sitze ich vor dem Computer und ‹game›, aber mein Leben findet auch offline statt.» Seit kurzem fährt sie einmal pro Woche nach St. Gallen zum Kung-Fu-Training. Ihr prall gefüllter Rucksack liegt bereits auf dem Sitz nebenan. Darin sind eine Trainingshose und ein schwarzes Leibchen mit asia­tischen Lettern eingepackt. Sie habe Spass daran, sie schwitze und könne sich dabei veraus­gaben. «Ich bin selbstbewusster geworden.» Weil sie sich im Notfall selber verteidigen könne. Daneben mag sie es auch einmal wild und rhythmisch. Sie tanzt Modern Jazz – darin sind verschiedene Stile vereint. Wenn dann die Musik angeht, vergesse sie schon einmal alles um sich.

Lieber Zahlen anstatt Französisch

Da ist einerseits die Kämpferin und Tänzerin Nicole Falkner. Ist das Training vorbei, sind die ­verschwitzten Klamotten weg­geräumt, geht das Licht an und verklingt die Musik, dann erwacht der Kopfmensch Nicole Falkner. Die überlegte Informatikerin, die an der ZHAW School of Engineering in Winterthur mit einem Notenschnitt von 5,72 nicht nur den jahrgangsbesten Infor­matikabschluss, sondern studien­gang­übergreifend den viertbesten Abschluss aller 464 Absolventinnen und Absolventen erreicht hat. Eine bemerkenswerte Leistung, würde man denken. Und ja: Stolz ist sie auch. Sie verkneift ihn aber vorerst, lässt ihn sich aber dann doch anmerken.

«Es bitzli», sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln. Sie hat gepaukt, gerechnet und Bücher gewälzt, weil es sie interessiert. Für Zahlen habe sie schon als Mädchen eine Vorliebe gehabt. «In der Schule hat mich Mathematik viel mehr interessiert als Geschichte oder Französisch.» Damit sei sie schon ein wenig aus dem Rahmen gefallen. Aber gestört habe es sie nicht. «Dass ich als Mädchen in einem natur­wissenschaftlichen Zuhause aufgewachsen bin, hat mich bestimmt auch geprägt: Der Vater ist Elektrotechniker und Informatiker, und die ältere Schwester Biologin.» Zum Aha-Erlebnis kam es, als sie den Vater am ‹Tochter-Tag› in seiner Informatikfirma besucht habe. «Da habe ich Feuer gefangen.»