WIL.: Dank weissem Gold zum Textilboom

Die Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell feiert ihren 550. Geburtstag. Gestern besuchte IHK-Direktor Kurt Weigelt Wil und blickte zurück auf die bewegte Ostschweizer Geschichte.

Christof Lampart
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Kurt Weigelt erläutert, wie der Sohn eines Webers in Niederuzwil und Algetshausen 2000 Arbeitsplätze schuf. (Bild: Christof Lampart)

Kurt Weigelt erläutert, wie der Sohn eines Webers in Niederuzwil und Algetshausen 2000 Arbeitsplätze schuf. (Bild: Christof Lampart)

WIL. Vor gut einem Dutzend Zuhörer im Hof zu Wil liess Kurt Weigelt keinen Zweifel daran, wer für den ökonomischen Aufschwung einer ganzen Region indirekt verantwortlich ist: der irische Wandermönch Gallus. Nur der Tatsache, dass dieser sich 612 am «Ende der Welt» niederliess, sei es zu verdanken, dass St. Gallen sich zur Fernhandelsstadt entwickelte. Denn an einem Ort wie diesem, der weder Bodenschätze berge noch von strategischer Bedeutung sei und sich auch nicht für die Landwirtschaft eigne, habe es nur zwei Alternativen gegeben: «Ins Kloster gehen oder Handel treiben».

Bei Letzterem sei vor allem der Leinenhandel während Jahrhunderten prägend gewesen. Der benötigte Flachs wurde im Umland angepflanzt und in St. Gallen zum «weissen Gold der Ostschweiz» verarbeitet. Städtische Zünfte wachten mit Argusaugen darüber, dass das qualitativ hochwertige Leinen nur in St. Gallen angefertigt wurde. So seien vier Kaufleute bestraft worden, als sie Leinwand in Bischofszell bleichen liessen («das war das China von heute, also ein Billiganbieter»).

Baumwolle führte zum Verfall

Mit der Zeit wurden jedoch wiederholt erfolgreiche Ausbrüche aus dem starren wirtschaftlichen Korsett gewagt. Diese führten 1466 zur Gründung der «Gesellschaft zum Notenstein» – dem «Vorläufer» der heutigen IHK. «Hier standen Zoll- und Freihandelsabkommen, wie sie mit Nürnburg und Lyon getroffen wurden, im Vordergrund», sagte Weigelt. «Notenstein» unterhielt sogar einen eigenen Botendienst mit den beiden Städten. Nach dem Dreissigjährigen Krieg verlor die Stadt ihr Handelsmonopol ans Umland. Der ehemalige St. Galler Gonzenbach baute in Hauptwil die erste Textilmanufaktur, an der alles an einem Ort hergestellt wurde – und nicht nach Arbeitsschritten und Zünften aufgeteilt. Das Aufkommen der Baumwolle führte schliesslich ganz zum Verfall des einst lukrativen Leinengeschäfts.

Erst 1753, dem Geburtsjahr der St. Galler Stickerei, wurde der Ruf der Ostschweiz als Textilhochburg wiederhergestellt. Im Jahr 1790 waren mehr als 30 000 Menschen in der Textilbranche tätig. Klassische Unternehmer wie der Schwarzenbacher Matthias Naef betraten die innovative Szene. Der Sohn eines Webers gründete ein Imperium, das die ganze Textilwertschöpfungskette abdeckte und in Niederuzwil und Algetshausen 2000 Personen beschäftigte. Der grosse Textilboom wurde später durch die Einführung von Stickereimaschinen (Saurer, Bühler) weitergeführt und endete erst – aber abrupt – durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs.