WIL: Coaches, Rüebli und Technologien

Die Stiftung Heimstätte Wil geht neue Wege und führt psychisch Kranke mit Hilfe verschiedener Projekte wieder an das Arbeitsleben heran. Dazu ist aber einiges an Überzeugungsarbeit nötig.

Daniel Wallimann
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In der Werkstatt können die Betroffenen wieder im Arbeitsleben «schnuppern». (Bild: PD)

In der Werkstatt können die Betroffenen wieder im Arbeitsleben «schnuppern». (Bild: PD)

Daniel Wallimann

daniel.wallimann@wilerzeitung.ch

Die Wiler hätten für psychisch Kranke Verständnis. Denn seit 125 Jahren seien Bürgerinnen und Bürger wegen der nahen Klinik an Menschen, die ein wenig von der Norm abweichen, gewohnt. «Und durch unsere Arbeit wollen wir sicherstellen, dass sie weiter Teil der Gesellschaft bleiben», sagt Paul Schmid. Die Stiftung Heimstätten Wil, für die er als CEO amtet, bietet Menschen, die zum Beispiel aufgrund einer Depression oder Schizophrenie den Alltag nicht mehr bestreiten können, Hilfe. Die Institution ist damals aus der Psychiatrischen Klinik Wil heraus entstanden und war noch bis vor zwei Jahren dem Kanton angegliedert.

Zwei Schritte vorwärts, ein Schritt zurück

Mittlerweile ist sie wirtschaftlich unabhängig, weil man mit der Stiftungsgründung die Patientinnen und Patienten bewusst aus der medizinisch ausgerichteten Klinik herauslösen und ihnen ein gesundes Umfeld bieten wollte. In den verschiedenen Wohngruppen oder einer Werkstatt lernen sie, mit ihrer Beeinträchtigung umzugehen und wieder schrittweise ein selbstständiges Lebens zu führen. «Landläufig geht nämlich gern einmal vergessen, wie wichtig selbst solche einfachen Dinge sind», sagt Schmid. Gerade in der Arbeitswelt. Darum hat die Stiftung im vergangenen Jahr das «Supported Employment» begonnen: Sogenannte Job Coaches, fünf sind es zurzeit, führen die Menschen mit Beeinträchtigung wieder an den Arbeitsmarkt heran. Gleichzeitig unterstützen sie aber auch die Arbeitgeber. «Damit wir die Leute in Firmen unterbringen können, leisten wir vorab Überzeugungsarbeit», sagt Schmid. Denn Chefs seien heutzutage mit den Leistungsschwächen und Stimmungsschwankungen von Kranken schnell überfordert. Der Schritt zurück ins Leben gelinge daher nicht immer gleich gut. Alle Betroffenen hätten eine IV-Rente und seien zum Teil nicht mehr ans Arbeitsleben gewöhnt. «Wenn es gar nicht geht, sind Firmen nicht verpflichtet, die Arbeitskräfte zu behalten.» Dann finden sie in der Stiftung wieder eine Anschlusslösung.

Frisches Gemüse vom Hof und smarte Technologie

Neben ihrem sozialen Engagement hat sich die Stiftung auch ein kulinarisches Projekt ausgedacht. Die «Wiler Kiste» ist ein Gemüse-Abo, das Menschen in der Region ansprechen soll, die sich zwar gesund ernähren wollen, aber selber keine Zeit zum Einkaufen haben. Paul Schmid: «Rüebli, Kartoffeln, direkt vom Hof.» Und es ist erst noch für eine gute Sache. Das komme bei den Leuten gut an. Die verschiedenen Kisten kann man online bestellen; sie werden dann schnurstracks nach Hause geliefert.

Ausserdem hat die Stiftung mit der Pro Infirmis St. Gallen-Appenzell und der Stadt Wil die Stadt auf die barrierefreie Zugänglichkeit öffentlicher Bauten untersucht. «Dieses Projekt hat einer unserer Mitarbeiter mit psychischer Beeinträchtigung, der sehr gut ausgebildet ist, geleitet». Es sei so gut, dass sich sogar die Stadt Zürich dafür interessiert habe. «Das freut uns natürlich sehr, ist aber dann doch zu weit weg», lacht Paul Schmid.