Wil
Auswirkungen der Coronapandemie auf die Psyche: Mehr Beratungen und weniger Klinikeinweisungen

Vorbelastete Personen haben aufgrund der erhöhten Stresssituation ein grösseres Risiko psychisch zu erkranken. Denn nicht alle Menschen verarbeiten belastende Situationen gleich.

Ruth Bossert
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Urs Braun liess sich nicht auf eine Diskussion zu den Massnahmen ein.

Urs Braun liess sich nicht auf eine Diskussion zu den Massnahmen ein.

Bild: Ruth Bossert

Am Montagabend wurde der Herbstzyklus der Montagsreferate an der Psychiatrie St.Gallen Nord gestartet. Situationsbedingt sprach Urs Braun, Leitender Psychologe und Psychotherapeut in Wil, über die Auswirkungen der Pandemie auf die Psyche und stellte gesundheitsfördernde Verhaltensweisen und Massnahmen vor, welche die Befindlichkeiten verbessern können.

Der grosse Ansturm auf die erste Veranstaltung nach der eineinhalbjährigen pandemiebedingten Pause, blieb aus. Mit 30 Personen, das ist ungefähr ein Drittel der üblichen Besucherzahl, war das Interesse gering. Ob das verlangte Covid-Zertifikat mit ein Grund war, der Veranstaltung fernzubleiben, oder ob die Besucher lieber die neue Möglichkeit, den Vortrag als Video anzuschauen, bevorzugen, konnte die Angehörigenberaterin Edith Scherer nicht beantworten.

Mehrheit wird nicht krank

Nicht alle Menschen verarbeiten belastende, einmalige Situationen gleich, erklärte Urs Braun in seinen Einführungen. In der Regel kann ein Unfall, ein kurzes Naturereignis, der plötzliche Tod eines nahen Menschen oder eine einmalige Gewalterfahrung bei ungefähr 70 Prozent der Betroffenen innerhalb von vier bis sechs Wochen zu einer Normalisierung ihrer Belastung führen. Die restlichen 30 Prozent müssen mit einem ungünstigen und längeren Verlauf rechnen. Wer vor Covid die alltäglichen Lebensbelastungen gut bewältigen konnte, wird wegen der zusätzlichen Stressoren der Pandemie auch nicht krank.

Urs Braun wurde von Angehörigenberaterin Edith Scherer begrüsst.

Urs Braun wurde von Angehörigenberaterin Edith Scherer begrüsst.

Bild: Ruth Bossert

Hingegen können sich bei Personen mit bestehenden psychischen Gesundheitsproblemen, die Symptome verstärken. Die akute Belastungssituation müsse noch keinen Krankheitswert haben, wenn es hingegen den Betroffenen nicht gelinge, die Situation zu bewältigen, könne es zu chronischen Stressreaktionen kommen und sich zu einer klinisch relevanten Krankheit entwickeln.

Es sei wichtig, die Belastungen in Grenzen zu halten und Risikogruppen früh zu unterstützen. So seien Tagesstrukturen, Bewegung, Sport und Kontakte wichtig. Er riet, Medien bewusst zu konsumieren und sich nicht mit einer Überdosis an Nachrichten zu belasten.

Drei Prozent weniger Eintritte

Als Mitglied des Care-Teams des Kantons St.Gallen weiss Braun, dass die Fälle kontinuierlich ansteigen und man im laufenden Jahr eine Höchstzahl erreichen wird. Auch die dargebotene Hand und die Pro Juventute verzeichnen so viele Beratungen wie nie zuvor. Obschon alte Menschen eher schwere Covid-Verläufe haben, seien die psychischen Reaktionen bei Jugendlichen viel ausgeprägter als bei alten Menschen.

Hingegen müsse man von einer rezessionsbedingten Zunahme psychischer Störungen ausgehen. Man stelle aber fest, dass stationäre Eintritte in die Psychiatrie abgenommen haben, in der Psychiatrie St.Gallen Nord um drei Prozent. Das interpretiert Braun so, dass sich die Betroffenen eher ambulant behandeln lassen.

Unter www.psgn.ch kann das Video der Veranstaltung angeschaut werden.

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