WIL: Auf Augenhöhe diskutieren

An der 17. Säntis-Psychiatrie-Tagung der Psychiatrie St. Gallen Nord tauschten sich Betroffene, Angehörige und Fachpersonen darüber aus, wann man von einer psychischen Krankheit sprechen und wer das definieren kann.

Gianni Amstutz
Merken
Drucken
Teilen
Trotz leicht erhöhtem Rednerpult diskutierten an der Säntis-Psychiatrie-Tagung Betroffene, Angehörige und Fachpersonen wie Paul Hoff (Bild) auf Augenhöhe über die Definitionen, Grenzen und Herausforderungen psychischer Krankheiten. (Bild: Gianni Amstutz)

Trotz leicht erhöhtem Rednerpult diskutierten an der Säntis-Psychiatrie-Tagung Betroffene, Angehörige und Fachpersonen wie Paul Hoff (Bild) auf Augenhöhe über die Definitionen, Grenzen und Herausforderungen psychischer Krankheiten. (Bild: Gianni Amstutz)

Gianni Amstutz

gianni.amstutz@wilerzeitung.ch

«Eine einfache Antwort auf die Frage, was psychisch krank sein heisst, gibt es nicht», betonte Paul Hoff, Chefarzt Psychiatrische Universitätsklinik Zürich. Er sprach als Fachperson an der 17. Säntis-Psychiatrie-Tagung der Psychiatrie St. Gallen Nord. Seit einigen Jahren findet diese in der Psychiatrie Wil statt. Zwar könne man Diagnosen stellen, diese seien jedoch nur ein Werkzeug zur Feststellung und Behandlung der Krankheit, fügte er an. «Viel wichtiger ist es, mit den Patienten eine zwischenmenschliche Beziehung aufzubauen und mit ihnen gemeinsam nach Therapiemöglichkeiten zu suchen. «Der Austausch zwischen Arzt und Patient ist entscheidend.»

Einfluss gesellschaftlicher Entwicklungen

Genau dieses Ziel verfolgt die Säntis-Psychiatrie-Tagung. «Die Veranstaltung ist von der Planung bis zur Durchführung trialogisch aufgebaut», erklärte Edith Scherrer, die in der Angehörigenberatung tätig ist und die Tagung mitorganisiert hat. «Das heisst, dass Betroffene, Angehörige und Fachpersonen sich auf Augenhöhe begegnen sollen.» Nur so könnten die Beteiligten voneinander lernen. Das sei wichtig, denn was als psychisch gesund gelte, werde von Fachpersonen, Betroffenen und nicht zuletzt auch von der Gesellschaft definiert. «Als ich 1988 studiert habe, galt beispielsweise Homosexualität noch als psychische Störung», sagte Scherrer. Das Burnout als akzeptierter Begriff habe hingegen noch nicht existiert. Dieses Beispiel zeigt, wie gesellschaftliche Entwicklungen Einfluss auf die Wahrnehmung psychischer Krankheiten nehmen.

Dass Menschen mit psychischen Störungen einen schweren Stand haben, zeigten die Referate der Betroffenen. «Unsere Krankheiten sind gesellschaftlich nicht akzeptiert und werden noch immer mit Geisteskrankheit oder Besessenheit in Verbindung gebracht», sagte ein Betroffener. Weitere bestätigten, dass psychische Störungen noch immer ein Tabuthema sind. Die Akzeptanz sei allerdings grösser als noch vor wenigen Jahren und auch das Therapieangebot sei besser.

Das Umfeld könne die Erkrankung vielfach nicht verstehen. «Du warst doch früher so glücklich» oder «Jetzt, da du in der Klinik warst, ist doch alles wieder gut» seien Reaktionen, die geäussert würden. Doch so einfach sei es nicht.

«Die Klinik ist keine Reparaturwerkstatt», sagte ein Betroffener. Anfangs habe er den Wunsch gehabt, wieder so zu funktionieren wie vor der Krankheit. Dann habe er festgestellt, dass dies nicht der richtige Weg wäre. «Ich habe viel über mich gelernt. Darüber, was ich mit der Krankheit machen kann und was ich lieber lassen sollte.» Gewisse Dinge, die selbstverständlich erschienen, seien mit der Krankheit plötzlich nicht mehr möglich gewesen. «Es ist schwierig, Hilfe anzunehmen, obwohl man in manchen Situationen darauf angewiesen ist», sagte er. Wichtig sei in dieser Situation die Unterstützung von Familie und Freunden. Denn von einer psychischen Störung ist in der Regel auch das Umfeld betroffen. Dies veranschaulichte ein junger Mann, der über die Krankheit seines Vaters erzählte. Als dieser einen Zusammenbruch erlitten habe, habe er nicht verstehen können, was mit seinem Vater passiert sei. «Aus kleinen Auseinandersetzungen wurde plötzlich ein riesiges Problem.» Mehrmals musste der Vater in die Klinik. «Ich hatte dabei immer das Gefühl, dass mir mein bester Freund weggenommen wurde und konnte nicht verstehen, weshalb.» Wichtig sei für ihn deshalb gewesen, mehr über die Krankheit zu erfahren. Auch heute gebe es noch vereinzelt schwierige Tage, doch dank dem Verständnis für die Krankheit, könne er besser mit der Situation umgehen.

Was von allen Referenten betont wurde, ist, dass man Betroffene nicht auf die Diagnose reduzieren darf. «Mein zweiter Vorname ist schliesslich nicht Borderline», sagte eine Betroffene. «Ich bin einfach ein Mensch, der eine Würde und einen Wert hat, wie andere auch.»