Wil
Alte Bäume in der Stadt sind wichtig – und deshalb auf den Schutz durch ihre Eigentümer angewiesen

Stadtbäume brauchen Pflege und Schutz, um alt zu werden. Erst dann sind sie besonders wertvoll für Klima und Artenvielfalt. Und: Nadelbäume litten unter dem vielen Schnee im Januar stärker als Laubbäume. Auf Streifzug unter den Bäumen in der Stadt.

Pablo Rohner
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Im Garten der Villa Luegisland an der St.Gallerstrasse werden die meisten Bäume trotz Restauration stehen gelassen. So auch die riesige geschützte Buche.

Im Garten der Villa Luegisland an der St.Gallerstrasse werden die meisten Bäume trotz Restauration stehen gelassen. So auch die riesige geschützte Buche.

Bild: Pablo Rohner (6. April 2021)

Als es taute, kamen sie überall in der Stadt zum Vorschein: zerzauste Hecken und Bäume, gekrümmt unter der weissen Last. Der Schnee, der im Januar erst nass fiel und dann regelrecht an Nadeln und Ästen festfror, hat manchen Bäumen sichtlich zugesetzt. Das gab Arbeit für professionelle Baumpfleger wie Thomas Felix und Fabian Wick. Beide sind Geschäftsführer von Unternehmen, die in der Stadt Wil tätig sind. Felix sagt: «Es sind sicher mehr Äste gebrochen als in anderen Wintern.» Wegen des Schnees fällen musste er hingegen nur einzelne Bäume.

Bei den rund 2500 Bäumen, welche die Stadt Wil auf ihren Grundstücken bewirtschaftet, handelt es sich gemäss Max Forster, Leiter Umwelt, fast ausschliesslich um Laubholz. Nicht alle Bäume litten gleichermassen unter der Last des Schnees, Nadelbäume generell stärker als Laubbäume. An nur rund 30 Stadtbäumen habe es grössere Astschäden gegeben, so Forster.

Vom vielen Schnee im Januar zerzauste Fichten im Lindenhofquartier.

Vom vielen Schnee im Januar zerzauste Fichten im Lindenhofquartier.

Bild: Pablo Rohner, Wil, 6. April 2021.

«Die Städte Wil und Uzwil haben in Sachen Baumpflege und -kontrolle eine Vorreiterrolle in der Region», sagt Baumpfleger Fabian Wick. Auch darum hätten die Städte gemessen an ihrem Baumbestand kaum Schäden an ihren Bäumen zu beklagen.

In der Verantwortung der Eigentümer

Doch auch innerhalb der Gehölzgruppen gab es Unterschiede. Wald- und Schwarzföhren mit ihrem breit ausladenden Wuchs waren anfälliger als die schlanken und elastischen Fichten, an denen der Schnee besser abrutschte, sagt Thomas Felix. Und den Ahornen mit ihren dicken Ästen konnte die weisse Last weniger anhaben als den Birken, in deren feinen Verästelungen der Schnee besser verfing. Eine Rolle hätten auch Alter und Pflege der Bäume gespielt. Ältere Bäume, die schon länger nicht mehr geschnitten wurden, waren anfälliger, weil der Schnee auf langen Ästen stärker ins Gewicht fiel.

Wie viele Bäume in der Stadt Wil in den privaten Gärten stehen, ist nicht bekannt. Das Fällen nicht geschützter Bäume liegt in der Verantwortung der Privateigentümer. Und weil Fällen günstiger ist als Schneiden, wird gemäss Fabian Wick «viel zu oft die Säge angesetzt». Auch bei Bäumen, die mit etwas Pflege noch gut erhalten werden könnten. Wick:

«Oft passiert das, wenn keine Fachmeinung eingeholt wird und das nötige Grundlagenwissen fehlt.»

Alte Bäume kühlen und filtern besser

Gerade ältere Bäume sind aber in Sachen Klima und Ökologie besonders wertvoll. «Weil sie mehr Blätter haben, verdunsten sie viel mehr Wasser als jüngere Bäume. Ihre Kühlwirkung auf die Umgebung ist deshalb viel höher», sagt Stephan Brenneisen, Dozent für urbane Ökosysteme an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Ältere Bäume seien zudem auch die besseren Staubfilter.

Alte Bäume bieten unter anderem Käfern, Fledermäusen und Vögeln Nistplätze und Nahrung. Im Bild eine Baumgruppe im Lindenhofquartier.

Alte Bäume bieten unter anderem Käfern, Fledermäusen und Vögeln Nistplätze und Nahrung. Im Bild eine Baumgruppe im Lindenhofquartier.

Bild: Pablo Rohner, Wil, 6. April 2021.

Totholzstrukturen und Hohlräume, wie sie sich auf alten Bäumen bilden, bieten zudem Nahrung und Nistplätze für verschiedene Tiere. «Es gibt viele auf Totholz spezialisierte Käferarten», sagt Brenneisen. Sie brauchen alte Bäume genauso wie Fledermäuse und Vögel. Dazu haben alte Bäume im Lauf ihres langen Lebens bewiesen, dass sie standortgemäss sind. Bei neu gepflanzten Bäumen stellt sich gemäss Brenneisen oft die Frage: «Schaffen die das überhaupt noch?»

Beispiel Restauration «Villa Luegisland»

Im Garten der «Villa Luegisland» an der St.Gallerstrasse 7 nahe der Rudenzburgkreuzung standen bis vor kurzem – Thuja ausgenommen – über 30 Bäume; Ahorne, eine geschützte Buche, Fichten, Eiben, eine Mispel, ein Kirschbaum, ein Magnolienbaum. Eigentümer Klemens Dudli, Architekt aus Uzwil, lässt das 1907 erbaute Jugendstilhaus samt zugehörigem Park derzeit restaurieren. Indem er Luftaufnahmen aus verschiedenen Jahrzehnten und Fotos aus dem Archiv der ehemaligen Besitzer verglich, zeichnete Dudli die Entwicklung der Anlage nach. Der Bauherr kam zum Schluss: Der parkähnliche Garten «ist ein wichtiger Zeitzeuge und daher weitgehend zu erhalten».

Eine geschützte Baumgruppe in einem Villen-Garten an der Unteren Bahnhofstrasse.

Eine geschützte Baumgruppe in einem Villen-Garten an der Unteren Bahnhofstrasse.

Bild: Pablo Rohner, Wil, 6. April 2021.

In Wil ist das Fällen von geschützten Bäumen oder von Bäumen aus geschützten Gruppen ab einem Durchmesser von 20 Zentimetern bewilligungspflichtig. Klemens Dudli stellte für acht Bäume ein Fällungsgesuch. Die sechs Tannen auf der Nordseite stellten ein Sicherheitsrisiko dar oder passten «gestalterisch nicht in den Park». Der Kirschbaum war abgestorben und umsturzgefährdet. Und der Magnolienbaum stand dort, wo der Carport hinsoll.

Welche Bäume und Baumgruppen in Wil geschützt sind oder als erhaltenswert gelten, bestimmen aktuell noch die Wiler Schutzverordnung von 1992 und das Pendant der Gemeinde Bronschhofen von 1994. Ein Blick auf die Karte mit den geschützten Bäumen zeigt: Wo die Häuser alt sind, sind es auch die Bäume eher. Die neue, revidierte Schutzverordnung steht kurz vor der öffentlichen Mitwirkung. Die Leiterin des Departements Bau, Umwelt und Verkehr, Stadträtin Ursula Egli, sagt, diese werde dem Interesse der Stadt an einem «gesunden und vielfältigen Baumbestand im öffentlichen und privaten Raum» Ausdruck verleihen.