WIL: «Als gäbe es keine Süchtigen»

Drogen und HIV sind zwar aus dem öffentlichen Bewusstsein, nicht aber von der Bildfläche verschwunden, weiss Claudia-Maria Kolb. Die neue Leiterin der Kaktus-Anlaufstelle berichtet von der Front.

Daniel Wallimann
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Die neue Kaktus-Leiterin, Claudia-Maria Kolb, und der Wipp-Gesamtleiter, René Akeret. (Bild: Daniel Wallimann)

Die neue Kaktus-Leiterin, Claudia-Maria Kolb, und der Wipp-Gesamtleiter, René Akeret. (Bild: Daniel Wallimann)

Daniel Wallimann

daniel.wallimann@wilerzeitung.ch

 

Claudia-Maria Kolb, warum sind Drogen oder HIV – obwohl brandaktuell – aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden?

Wegen der Hilfsangebote, die die Süchtigen mittlerweile gut erreichen, sieht man keine verwahrlosten «Junkies» oder gebrauchte Spritzen mehr auf dem Boden herumliegen. So entsteht der Eindruck, dass alle Probleme gelöst sind. Dass aber 2016 weiterhin 28 Drogenabhängige pro Tag unsere Anlaufstelle besucht haben, zeigt eine andere Realität auf.

Das sind demnach keine reinen Grossstadtthemen?

Sie finden selbst im Kuhdorf statt. Der Kanton hat die Gemeinden in den 1990er-Jahren betraut, sich selber mit den Problemen zu befassen. Wil hat schon früh eine Vorreiterrolle übernommen und zum Beispiel mit Wohnangeboten die Obdachlosigkeit bekämpft und mit der Anlaufstelle den Menschen einen Zugang zum Hilfssystem gesichert.

Warum setzten Sie sich für Menschen am Rande der Gesellschaft ein?

Ich habe als junge Erwachsene in alternativen Kreisen in St. Gallen verkehrt und bin dabei erstmals mit Obdachlosen und Süchtigen in Berührung gekommen. Weil sie Teil der Gesellschaft sind, sehe ich einen Sinn dahinter, mich für sie und ihre Angehörigen zu engagieren.

Wovor haben Sie am meisten Respekt bei der neuen Stelle?

Besonders existenzielle Fragen wiegen häufig schwer: Einmal hatte ein Klient mit 45 Jahren ­einen Schlaganfall und musste hospitalisiert werden. Jeder, der in dem Bereich arbeitet, muss darum mit dem Tod umgehen können. Häufig sind wir dann das letzte Auffangnetz.

Haben Sie sich Ziele für Ihre neue Stelle gesetzt?

Ich will mich möglichst schnell in mein 60-Prozent-Pensum einarbeiten und mit meinem fünfköpfigen Beratungsteam prüfen, wo noch Optimierungspotenzial liegt.

Haben Sie schon in einer ähnlichen Position ­­gearbeitet?

Zuletzt habe ich die Kontakt- und Anlaufstelle in der Gemeinde Heerbrugg geleitet. Ursprüng­lich habe ich eine Lehre als Sozialbegleiterin absolviert und mich dann in einem Nachdiplomstudium in Suchtfragen spezialisiert.

Wer sind Ihre Klientinnen und Klienten, und welche Drogen konsumieren sie?

Es verhält sich ungefähr so: ­ Zwei Drittel davon sind Män­ner und ein Drittel Frauen. Meist haben sie einen tiefen ­Bildungshintergrund und eine langjährige Suchtkarriere hinter sich. Neben Heroin konsumieren sie vor ­allem Kokain und Alkohol, aber auch Medikamente. Früher war das noch ein wenig anders: Menschen aus gutem Haus und mit einer guten Ausbildung konsumierten aus Protest Drogen und verfügten deshalb über bessere Ressourcen, um wieder von selber aus der Sucht herauszufinden.

Wie erklären Sie einem Kind Ihre Arbeit?

Recht sachlich und schnörkellos: Sucht gehört heute zur Gesellschaft und beeinflusst meist sämtliche Lebensbereiche und schränkt die Menschen in ihrem Leben und ihren Möglichkeiten ein.

Sie haben es auch mit tragischen Geschichten zu tun – wie schalten Sie ab?

Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, bade ich. Es ist einfach, wirkt aber sehr ­reinigend. Daneben geben mir meine ­Freunde und meine Familie viel Halt. Zwischendurch lese ich auch gerne einmal ein gutes Buch und verbringe Zeit­ für mich ­alleine.