Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

WIL: Alle in der gleichen Schlange

Bei der «Poschtitäsche» in Wil trifft die Altersarmut auf das Flüchtlingselend: Für zwei Franken erhalten Bedürftige einmal die Woche eine Tasche mit Lebensmitteln und einen Kaffee. Anfangs kamen 30 Personen, heute fast das Dreifache.
Chris Gilb
Da die «Poschtitäsche» über Kühlmöglichkeiten verfügt, können auch gefrorene und verderbliche Lebensmittel verteilt werden. (Bild: Chris Gilb)

Da die «Poschtitäsche» über Kühlmöglichkeiten verfügt, können auch gefrorene und verderbliche Lebensmittel verteilt werden. (Bild: Chris Gilb)

WIL. Die 77-jährige Erika Nemetz trinkt mit anderen älteren Damen im Speisesaal des evangelischen Kirchgemeindehauses Wil Kaffee. Auf dem Tisch vor ihnen liegt eine Karte und ein Schild mit einer Nummer. «Wir treffen uns jeden Donnerstag in dieser Runde und plaudern ein bisschen, das tut gut», sagt Nemetz. Sie hoffte, dass an diesem Abend etwas Besonderes bei den Lebensmitteln dabei ist. Vielleicht etwas Süsses. Aber auch mit dem normalen Angebot ist sie sehr zufrieden. «Wenn ich Gemüse und Brot fast gratis erhalte, kann ich mir dafür zu Hause wieder einmal ein Stück Fleisch leisten.» Um bis zu 30 Franken werde ihre Haushaltskasse pro Woche durch die «Poschtitäsche» entlastet. Eine Tasche voll Lebensmittel kostet beim Angebot der evangelischen Kirche pauschal zwei Franken.

«Es ist nicht einfach, hier zu sein»

Mirdita Islami gesellt sich zu den Damen. Ihre drei Kinder spielen im Haus nebenan im Kinderbetreuungsangebot. Die gebürtige Mazedonierin lebt seit vielen Jahren in der Schweiz und ist eingebürgert. Ihr Mann hat seit einem Arbeitsunfall keinen Job mehr und steht kurz vor der Aussteuerung. Sie arbeitet Teilzeit. Annemarie Weber begrüsst die 28-Jährige herzlich. «Es ist für uns alle nicht immer einfach, hier zu sein», sagt die 61-Jährige und nickt der jungen Mutter zu. Mirdita Islami lächelt aufmunternd zurück: «Ich geniesse es, mich hier mit euch zu unterhalten.» Dann werden die ersten Nummern aufgerufen. Die Menschen aus diversen Kulturkreisen erheben sich von ihren Sitzplätzen vor und im evangelischen Kirchgemeindehaus Wil und laufen mit einer Tasche an einem langen Tisch vorbei. Je nach Familiengrösse erhalten sie eine gewisse Menge von allen Lebensmitteln, die an diesem Tag angeliefert wurden. Die Lebensmittel sind frisch, keines ist abgelaufen. Sie stammen von Supermärkten. Die Schweizer Tafel verteilt diese dann auf die einzelnen Abgabestellen.

Zahl der Bezüger reduziert

«Anfänglich wurde die «Poschtitäsche» von 30 Leuten genutzt, hauptsächlich Asylsuchende», erinnert sich Hans Mehr, Leiter der freiwilligen Helfer vor Ort. Mit der Zeit hätten sich auch immer mehr Schweizer überwunden zu kommen. Zwischenzeitlich kämen durchschnittlich 75 Leute. «Es waren schon mehr, auch durch die Flüchtlingskrise. Weil die Lebensmittel zu knapp wurden, mussten wir einige Einschränkungen vornehmen, etwa, dass nur die Flüchtlinge, welche von der Stadt Wil betreut werden, bezugsberechtigt sind, nicht jene vom Kanton», sagt Mehr. Auch stehe das Angebot nur noch Menschen aus dem Einzugsgebiet der Evangelischen Kirchgemeinde Wil offen. Allgemeine Voraussetzung für die Nutzung des Angebots ist die Kulturlegikarte, die beantragt werden kann, wenn man am Existenzminimum oder darunter lebt. Vor Ort registrieren die Helfer jeden Donnerstag ab 16 Uhr, wie viele Personen anwesend sind. Dementsprechend wird das Essen portioniert und von 17 bis 18 Uhr verteilt. «Es gibt immer wieder Phasen, in denen wir auch rationieren müssen, da die Geschäfte nicht immer gleich viel Lebensmittel abgeben können. Das hat auch schon für Frustration unter den Wartenden gesorgt», sagt Mehr. Ein Mann aus dem Irak lässt gerade seine Tasche auffüllen. Der fünffache Vater floh vor 16 Jahren in die Schweiz, zwischenzeitlich arbeitet er in der Lebensmittelverarbeitung. Es sei finanziell immer eng. Die «Poschtitäsche» sorge für Entlastung.

Kinder sorgten für Unruhe

Während ihre Eltern für Lebensmittel anstehen, bauen die Kinder im Haus nebenan unter Aufsicht von ausgebildeten Spielgruppenleiterinnen ein Haus aus Klötzen. «Bis zu 30 Kinder sind jeweils dabei. Wir mussten dieses Betreuungsangebot einführen, da die Kinder beim Warten ungeduldig wurden, was für Unruhe sorgte», sagt Diakonin Ursula Möck, Leiterin des Projekts «Poschtitäsche».

Während die Eltern warten, können die Kinder die Zeit vergessen. (Bild: Chris Gilb)

Während die Eltern warten, können die Kinder die Zeit vergessen. (Bild: Chris Gilb)

Hans Mehr Verantwortlich für die Arbeit der Helfer vor Ort (Bild: Chris Gilb)

Hans Mehr Verantwortlich für die Arbeit der Helfer vor Ort (Bild: Chris Gilb)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.