WIL: Ägypterin für zweieinhalb Jahre

Im Januar 2014 ist Lucienne Suter von Wil in die ägyptische Hauptstadt Kairo gezogen – auf unbestimmte Zeit und ohne wirklich Arabisch zu können. Nun ist die 28-Jährige zurückgekehrt. Zusammen mit dem Mann ihres Lebens.

Ursula Ammann
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Lucienne Suter hat Geschichte und Islamwissenschaften studiert. Durch einen Sommerkurs in Kairo lernte sie die Stadt kennen und lieben. (Bild: Ursula Ammann)

Lucienne Suter hat Geschichte und Islamwissenschaften studiert. Durch einen Sommerkurs in Kairo lernte sie die Stadt kennen und lieben. (Bild: Ursula Ammann)

WIL. «Wir hatten Glück», sagt Lucienne Suter. Am Tag ihrer Hochzeit, die vor ein paar Tagen in Flawil stattfand, regnete es für einmal nicht. Ansonsten hat die 28-Jährige den Regen in letzter Zeit sogar etwas vermisst. Und ihr Mann, der in Ägypten aufgewachsen ist, gerät darüber regelrecht in Euphorie. In Kairo, da regnet es selten. «Zweimal im Jahr vielleicht und dann auch nur kurz», sagt Lucienne Suter. Sie reiste im Januar 2014 in die ägyptische Hauptstadt – für unbestimmte Zeit.

Wort für Wort entschlüsselt

Ganz neu war Ägypten für sie damals nicht. Als Studentin für Islamwissenschaften und Geschichte der Universität Zürich, belegte sie einst einen dreimonatigen Sommerkurs am Niederländisch-Flämischen Institut in Kairo. Sie war fasziniert von der Stadt, knüpfte Freundschaften. Auch als der Sommerkurs vorüber war und sie wieder zurück in der Schweiz, flog sie jeweils in den Ferien nach Ägypten, um ihre Freunde zu besuchen.

Nach dem Abschluss des Bachelors gab es für sie kein Halten mehr. Sie übersiedelte von Wil nach Kairo. «Ich habe damals nicht wirklich arabisch gesprochen», sagt sie. Beschriftungen aller Art – sei es in der Metro oder auf der Speisekarte – musste sie anfangs Wort für Wort entschlüsseln. Inzwischen spreche sie fliessend Arabisch, wenn auch nicht ganz perfekt, sagt Lucienne Suter. Auch das Lesen und Schreiben der arabischen Schrift gehe ihr jetzt leicht von der Hand.

Doch wie fühlt man sich generell als junge Frau in einer grossen fremden Stadt? «Ich wusste, dass ich meine Leute habe, auf die ich mich verlassen kann», sagt die 28-Jährige. «Sonst wäre ich wahrscheinlich nicht gegangen.» Negative Erfahrungen habe sie aber nie gemacht, auch wenn es schon mal Momente gegeben habe, in denen es ihr mulmig zumute gewesen sei. Etwa, als sie mit einer Kollegin nachts um zwei durch die Strassen gelaufen sei und sie von allen Seiten her Anmachsprüche gehört hätten.

Bewegungen adaptiert

«Ich bin ziemlich planlos nach Ägypten gereist», erzählt Lucienne Suter. Weder eine Arbeitsstelle noch sonst ein geregelter Tagesablauf erwartete sie. Anfangs verdiente sich die Wilerin mit Deutschkursen ihren Lebensunterhalt, später fand sie eine Anstellung bei einer deutschen Software-Firma, wo sie im Projektmanagement tätig war.

Dass sie Ausländerin ist, haben ihr viele nicht abgenommen. Dazu leisteten nicht nur die dunklen Haare und die braunen Augen ihren Teil, sondern auch das Verhalten, die Kleidung und die Art der Bewegung, welche die Wilerin von den Ägypterinnen adaptierte. Zudem kopierte sie den Dialekt und den Tonfall der Sprache. «Ich lerne gut über das Gehör», sagt die 28-Jährige.

Zwänge kommen nicht gut an

Den typischen Ägypter oder die typische Ägypterin zu beschreiben, sei aber schwierig, sagt Lucienne Suter. «Die Leute in Kairo können so unterschiedlich sein». Die Stadt vereint Armut und Reichtum, Tradition und Moderne. Einige Frauen tragen Kopftuch, andere tun es nicht. Sie sei ohne Kopftuch zwar in der Minderheit gewesen, aber deswegen überhaupt nicht aufgefallen, sagt Lucienne Suter. Der Islam kenne keinen Zwang und so sei es verpönt, jemanden zu bevormunden. «Es gibt schon Missionare, aber die werden nicht gerade geschätzt», erklärt sie. «Die Ägypter sind zwar gläubig, aber nicht hörig». Ob man Ramadan feiern wolle oder nicht, auch das entscheide jeder für sich selbst. Lucienne Suter hat sich dazu entschlossen, mitzufasten. «Ich fühlte mich auch ohne Essen und Trinken voller Energie, war aber dankbar um die Klimaanlage im Büro», sagt sie und weist auf die vielen Bauarbeiter hin, die während des Ramadans draussen in der brütenden Hitze arbeiteten.

Bei allem «leben und leben lassen» gebe es in Ägypten aber auch No Go's. Wenn Paare in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten, die über das Händchenhalten hinausgehen, austauschen, werden sie sofort zurechtgewiesen – sei es von der Sittenpolizei oder von ganz normalen Leuten. Dafür sehe man in Kairo auch oft Männer, die gut befreundet seien, Hand in Hand gehen, erzählt Lucienne Suter. «Die Männer dort zeigen ihre Gefühle viel eher.»

Ruhe und frische Luft

Hand in Hand mit einem ägyptischen Mann geht nun auch sie. Durch einen Bekannten lernte sie die Familie ihres Zukünftigen und natürlich auch diesen selbst kennen. Im Januar heirateten die beiden standesamtlich und feierten drei Monate später in Kairo ein Hochzeitsfest im engeren Familienkreis. In der Schweiz angekommen, gab es gleich nochmals ein solches. Das Paar möchte vorerst hier bleiben. Lucienne Suter denkt darüber nach, das Masterstudium zu absolvieren. Für ihren Ehemann ist Deutschlernen angesagt. Nun verbringen sie aber zuallererst ein paar Tage in der Hütte ihres Grossvaters in den Walliser Bergen. Bei Ruhe und frischer Luft. Etwas, das in Kairo fremd war – wie der Regen.