Wieso der Experte vor allem auf den Unterbau schaut

Für viele Landwirte und Viehzüchter ist sie der Höhepunkt des Jahres – für alle anderen ein kleines Mysterium: die Viehschau. In vielen Gemeinden der Region Wil steht sie dieser Tage auf der Agenda, vielerorts stehen die Tiere auf den Schauplätzen der Kommunen.

Olivia Hug
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An der Viehschau gibt es viele prüfende Blicke. Ob von Experten oder von Nachbarn. (Bild: Anina Rütsche)

An der Viehschau gibt es viele prüfende Blicke. Ob von Experten oder von Nachbarn. (Bild: Anina Rütsche)

Für viele Landwirte und Viehzüchter ist sie der Höhepunkt des Jahres – für alle anderen ein kleines Mysterium: die Viehschau. In vielen Gemeinden der Region Wil steht sie dieser Tage auf der Agenda, vielerorts stehen die Tiere auf den Schauplätzen der Kommunen. Ein Ereignis, das man sich auch als Laie nicht entgehen lassen sollte. Mit wenig Studium der wichtigsten Fachbegriffe lässt sich der landwirtschaftliche Grossanlass auch für Viehzucht-Unwissende rasch verstehen. Worum geht es? Ein Überblick.

Schönheit An den Viehschauen werden Missen gewählt, nämlich die schönsten Kühe oder Rinder der jeweiligen Gemeinde. Eine schöne Kuh ist in Tat und Wahrheit nichts anderes als eine wirtschaftliche Kuh. Eine, die über einen langen Zeitraum viel Milch produziert. Die Wirtschaftlichkeit einer Kuh lässt sich am äusserlichen Anblick zwar nicht ablesen, aber wenigstens erahnen. Denn es gibt eine optimale körperliche Beschaffenheit, die letztlich für reichlich Milchfluss sorgt. Und diese Beschaffenheit zu züchten, ist das Ziel vieler Milchproduzenten.

Exterieur Es gibt fünf für die Milchproduktion verantwortliche Körperteile, die an einer Viehschau bewertet werden. Diese Positionen, im Jargon Exterieur genannt, werden nach einem Zuchtziel beurteilt, das vom Braunviehzuchtverband festgelegt ist. Der Rahmen und das Fundament werden mit 25 Prozent der Gesamtbewertung benotet, das Becken mit zehn Prozent, das Euter mit 30 Prozent und die Zitzen mit zehn Prozent. Der Laie muss sich also keineswegs wundern, dass der Schauexperte und die Viehzüchter den Tieren vor allem auf den Hintern schauen.

Rahmen Der Bereich von der Flanke bis zur Brust sowie die obere Linie (Teil des Rückens oberhalb der Schulter) und die Gesamtgrösse werden als Rahmen bezeichnet. Er gibt Auskunft darüber, wie viel Futter eine Kuh aufnehmen kann, wie fruchtbar sie ist oder wie viel Platz für Organe vorhanden ist. Je fruchtbarer ein Tier, desto mehr Milch gibt es.

Fundament Hiermit ist nichts anderes als das Gangwerk, also die Beine, genannt. Die Beinwinkelung, die Ausprägung des Sprunggelenkes, die Klauen und die Fesseln spielen eine wichtige Rolle. Dicke und harte Klauen sind für die Gesundheit des Tieres und damit Langlebigkeit von zentraler Bedeutung. Ein feines Sprunggelenk ist weniger anfällig für Schürfungen oder andere Verletzungen.

Becken Das Becken einer Kuh ist optimalerweise leicht nach unten geneigt oder gerade und ausserdem breit. Dies fördert ihre Fruchtbarkeit und die Reinigung der Geschlechtsorgane.

Euter Nichts ist bedeutender für die wirtschaftliche Kuh als ihr Euter. Zentral ist die Festigkeit. Je höher es über dem Gelenk hängt, desto besser. Je höher das Euter aufgehängt – je näher das Eutergewebe an der Scheide – desto länger die Nutzungsdauer. Als Voreuter wird der Winkel bezeichnet, den Euter und Bauchdecke miteinander bilden. Je länger diese Verbindung, desto fester das Euter. Und schliesslich ist ein langes und tiefes Zentralband – der Spalt an der Rückseite des Euters – gut. Denn dadurch liegen die Zitzen schön senkrecht am Euter.

Zitzen Relevant an den Zitzen ist ihre Verteilung. Liegen sie zu nahe beieinander oder zu weit auseinander, erschwert das die Melkbarkeit. Die Länge spielt eine weniger wichtige Rolle, da kaum mehr manuell gemolken wird.

Lebensleistung Die Milchleistung stellt eine wesentliche Komponente für eine wirtschaftlich erfolgreiche Milcherzeugung dar. Als Lebensleistung wird die Menge Milch in Kilogramm bezeichnet, die eine Kuh im Laufe ihres Lebens abgibt. Eine hohe Lebensleistung steht für Gesundheit – und für Funktionalität. Eine Schweizer Kuh gibt täglich 20 bis 35 Liter Milch ab, je nachdem, wie oft sie schon gekalbt hat.

Laktation Nie stehen die Tiere zufällig angebunden auf dem Schauplatz. Sie werden in Kategorien eingeteilt, damit die Experten Gleiches mit Gleichem messen können. Bei Kühen passiert dies nach der Anzahl Laktationen. Eine Laktation ist nichts anderes als die Milchabgabe bei Säugetieren. Die Milchabgabe beginnt mit der Geburt des ersten Kalbes. Hat eine Kuh zwei Laktationen, bedeutet dies, dass sie zwei Kälber geboren hat.

Galtzeit Das Euter muss sich von Zeit zu Zeit oder eben nach einer Laktation erholen können. Kleinere Infektionen können dabei heilen, das Gewebe wird gestärkt. Den Zeitraum, in dem eine Kuh keine Milch abgibt, nennt man Galtzeit. Die Kuh ist somit trocken gestellt. Idealerweise passiert dies sechs bis acht Wochen vor dem Abkalbetermin. Ein galtes Euter ist einfach von den prallen Eutern einer Kuh zu unterscheiden, die noch Milch abgibt. Nach der Geburt, wenn das Kalb naturgemäss Nahrung braucht, ist die Milchabgabe besonders hoch.

12-Stunden-Euter Mit kleinen Tricks kann ein Viehzüchter sein schönstes Tier noch schöner machen als es ist. Ähnlich einer geschminkten ohnehin schönen Frau an einer Misswahl. Manche greifen auf die Möglichkeit zurück, die Kuh früher als üblich zu melken, so dass ihr Euter zum Zeitpunkt der Bewertung durch den Experten richtig schön prall ist. Nach der Schau sieht man die Bauern ihre Tiere dann unweit des Platzes melken. Es ist ebenfalls erlaubt, die Kühe zu rasieren, so dass ihr Exterieur besser betont wird.

Bewertung Man mag staunen, wie sehr Viehzuchtexperten ins Schwärmen geraten ob dem Anblick einer schönen Kuh. Sie überschlagen sich mit lobenden Ausdrücken. Meist sind schon die dritt- und zweitplazierte Kuh einer Schau so toll, dass die Experten nur noch auf den Ausdruck «Nuancen» zurückgreifen können, um durchblicken zu lassen, dass das Siegertier noch schöner ist – aber eben nur ein kleines bisschen. Dass sich Experten der immergleichen Sprache bedienen, hat einen einfachen Grund: Ihr Auftrag sieht vor, stets nur positiv zu bewerten.

Vater Weibliche Tiere an einer Viehschau, so weit das Auge reicht. Nur da und dort sind einzelne prächtige Stiere ausgestellt. Sie haben an diesem Tag wenig zu melden, denn es geht um Milchwirtschaft. Und doch versteckt sich so mancher Samenspender hinter einer Miss. Denn neben seiner Mutter liefert auch er Erbgut, das den Körperbau einer Kuh beeinflusst. Ein guter Samen kann dem Stierenzüchter also was einbringen. Ganz zu schweigen davon, dass die Tausenden Nachkommen auf der ganzen Welt zu suchen sind. An vielen Viehschauen wird der Vater der Siegertiere speziell genannt – nicht aber die Mutter. Top-Stiere haben klingende Namen wie Genox, Blooming oder Anibal. Oftmals wird an den Namen eines Stiers die Abkürzung «ET» angehängt. Das hat nichts mit einem Ausserirdischen zu tun, sondern bedeutet Embryotransfer. Bei dieser Technik werden Embryonen am siebten Tag nach der Befruchtung aus der Gebärmutter einer züchterisch wertvollen Spenderkuh gespült und auf Empfängertiere übertragen.

Die «Miss Ganterschwil» Eli mit ihren Besitzern Fabian und Urs Werder. (Bild: Anna Gasser)

Die «Miss Ganterschwil» Eli mit ihren Besitzern Fabian und Urs Werder. (Bild: Anna Gasser)