Wien und Wil im Frühling

Das Jugendorchester il mosaico begeisterte am Sonntagabend mit einem Programm der Wiener Romantik. Solisten waren Andriy Dragan, Klavier, und Annemarie Allger, Zither.

Carola Nadler
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Das Jugendorchester il mosaico begeisterte das Publikum am Sonntagabend in der Tonhalle (Bild: can.)

Das Jugendorchester il mosaico begeisterte das Publikum am Sonntagabend in der Tonhalle (Bild: can.)

WIL. Das 5. Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven gilt wohl als eines der schönsten Klavierkonzerte schlechthin. In einer Zeit entstanden, als Wien von napoleonischen Truppen belagert und der Alltag von Kanonendonner und marschierenden Soldatenstiefeln bestimmt wurde, versank Beethoven in diesem Werk aber nicht in düstere Morbidität. Vielmehr setzte er dem allgemeinen Pessimismus eine flammende Zuversicht entgegen, die sich hervorragend in der jungen und brillanten Interpretation von il mosaico entfalten konnte. Ob des Alters der Musikerinnen und Musiker kann sogar von «Power» gesprochen werden, die sich da auf der Bühne der Tonhalle entfalten konnte: Mit dem unbestechlichen Charme jugendlicher Gewissheit, dass das Leben bevorsteht, der Frühling naht, sämtliche Probleme dazu da sind, überwunden zu werden, begeisterte dieses Klavierkonzert das Publikum.

Vor Lebensfreude strahlend

Pianist Andriy Dragan, der bei Adrian Oetiker studiert hatte, tritt bereits an den Luzerner Festspielen und den Menuhin-Festspielen in Gstaad auf. Sein freundlich-bescheidenes Auftreten täuschte ein wenig über die ungemeine Kraft seiner Interpretation hinweg. Ohne sich solistisch zu profilieren oder ins Heldenhaft-Pathetische abzugleiten, spielte er einen Beethoven, der vor Lebensfreude und Zuversicht nur so strahlte. Damit bot er eine grossartige Ergänzung zu il mosaico, die sich auch über den ungemein schlicht-berührend gespielten zweiten Satz mit seiner sanften akkordischen Überleitung zum finalen dritten Satz fortsetzte.

Versöhnlichkeit mit Düsterem

Schuberts h-Moll-Sinfonie, die sogenannte «Unvollendete», stand nach der Pause auf dem Programm. Dirigent Hermann Ostendarp hatte es verstanden, seinen Musikerinnen und Musikern den grossen Atem langer Piano-Stellen zu vermitteln. Niemals knickte die Spannung ein, so dass sich der Beginn des ersten Satzes in seiner ganzen Mystik auf wunderbare Weise entfalten konnte: Über den souverän gesetzten tiefen Streichern setzten sich transparent, aber ohne jegliche Zaghaftigkeit die Violinen. Trotz wundervoll-lyrischer Momente ist die «Unvollendete» doch auch mit Schattenseiten durchsetzt. Die nahezu verzweifelten Ausbrüche gelangen dem Orchester sehr überzeugend, der jenseitig-schöne, versöhnliche Schluss schenkte zuletzt eine Versöhnlichkeit mit allem Düsteren.

Die seltene Zither

Als letztes spielte il mosaico Johann Strauss' Walzer «Geschichten aus dem Wiener Wald». Darin kam ein in der Schweiz eher selten gehörtes Instrument zum Zug: Annemarie Allger aus dem Allgäu spielte auf ihrer Zither das Hauptthema des Walzers und entführte in die wohltuend-sentimentale Küss-die-Hand-Welt der Wiener Belle Epoque. Mit den Zugaben, weitere Kompositionen von Johann Strauss, artete das Konzert, das mit solcher Tiefe und Reife begonnen hatte, jedoch etwas in Walzerseligkeiten aus. Immerhin wurde auf den Radetzky-Marsch verzichtet, doch auch auf das Wiener Zither-Stück, «Der dritte Mann» von Anton Karas, musste verzichtet werden.

Leider wurde das Konzert mit dem Knarzen des Dirigenten-Podestes ergänzt, das sich rhythmisch einfach nicht an die Vorgaben von Schubert und Beethoven halten wollte. Vielleicht spürte das Holz des Podestes ebenfalls den Wiener-Wiler-Frühling? Nun, vielleicht macht der Mai wirklich alles neu.

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