Wie weit entfernt liegt Sant’Abbondio?

Bettinas B(l)ickwinkel

Bettina Scheiflinger
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Bettina Scheiflinger beim Schreiben im Atelier Bick. Durch die grosse Fensterfront sieht sie auf den Lago Maggiore. (Bild: PD)

Bettina Scheiflinger beim Schreiben im Atelier Bick. Durch die grosse Fensterfront sieht sie auf den Lago Maggiore. (Bild: PD)

Am Sonntagabend bin ich im Atelier Bick angekommen. Ich bin keine geübte Autofahrerin, entsprechend nervenaufreibend war die Fahrt. Zugegeben, auch für die restlichen Verkehrsteilnehmer. Warme Abendsonne und ein idyllisch glitzernder See versöhnten mich sofort mit dem Tessin. Das Atelier der Stiftung Eduard Bick in Sant’Abbondio ist umgeben von Grün mit einem fantastischen Ausblick auf den Lago Maggiore, den ich durch die riesige Fensterfront den ganzen Tag vor der Nase habe. Um Ferien zu machen, bin ich jedoch zu sehr getrieben vom Wunsch, mein Schreibprojekt weiterzubringen.

Die Aussicht ist auch am nächsten Morgen noch atemberaubend. Die Aussicht auf vier Wochen Einsamkeit und meine hochgesteckten Ziele rauben mir plötzlich den Atem. Das Alleinsein zu geniessen, ist eine bewundernswerte Fähigkeit. Umso mehr, da ich sie selbst kaum besitze. Ich halte mich gerne dort auf, wo es lebendig ist, und nutze Erlebnisse als Schreibimpulse. Für und durch das Schreiben bin ich besser geworden im Alleinsein, geniessen kann ich es nach wie vor nur in kleinen Portionen. Und vor mir liegt ein Festmahl an einsamen Stunden. Keine Pflicht zu haben, fühlt sich an wie eine Leere, nichts, um mich daran festzuhalten. Die Nervosität wird grösser, und Panik kriecht mir den Rücken hoch, nachdem ich am ersten Tag kaum geschrieben habe. Ich fühle mich weit weg von allem Bekannten, so winzig im luftigen Atelier. Dann, spätnachts, die Erkenntnis: Nähe und Distanz, darum geht es doch! Die Protagonistin Ines wünscht sich, jemandem nahe zu sein und kann ihre Türen doch nicht öffnen. Sie ist sich nicht mal sicher, was Nähe genau bedeutet. Ihr Bedürfnis danach ist verwirrend: Wenn er nicht da ist, sehnt sich Ines nach ihm. Nach seinem Körper und seinen Worten. Sie spürt die Luft, die sich ungeduldig auf ihre Haut legt. Wenn er nicht da ist, wünscht sie seinen Körper neben ihren, will ihre Arme um seinen Rücken schlingen, der Luft keinen Platz lassen. Wenn er da ist, überbrückt sie die Entfernung zwischen ihren Körpern nur mit ihrem Blick. Dann streckt sie den Arm aus, legt ihre Fingerspitzen auf seine Schulter, lässt der Luft viel Platz, um ihm und sich selbst nicht zu nahe zu kommen.

Raum und Zeit zum Schreiben, mit diesem Wunsch habe ich mich um das Stipendium beworben. Jetzt lasse ich los und mich darauf ein.

Die Abgeschiedenheit und der weite Blick auf den See geben Raum, die Berge dahinter begrenzen meine Sicht und helfen mir dabei, mich dem weissen Blatt zuzuwenden.

Bettina Scheiflinger

Bettina Scheiflinger ist die erste Gewinnerin des Wiler Bick-Stipendiums. Diesen Monat wird sie in einem Haus des verstorbenen Künstlers Eduard Bick im Tessin schreiben. Während dieses Aufenthalts veröffentlicht die Autorin Kolumnen in der «Wiler Zeitung».

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