Wie sagt man es dem Kinde?

Ehrlich, fleissig, freundlich, zuverlässig ... So wünschen sich viele Eltern ihre Kinder. Unklar ist, was Mama und Papa genau darunter verstehen. Das merken die Kinder aber erst nach und nach. Nehmen wir ein Beispiel.

Hans Suter
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Bild: Hans Suter

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Ehrlich, fleissig, freundlich, zuverlässig ... So wünschen sich viele Eltern ihre Kinder. Unklar ist, was Mama und Papa genau darunter verstehen. Das merken die Kinder aber erst nach und nach. Nehmen wir ein Beispiel. Eine von Eltern regelmässig aufgestellte Regel an die Kinder lautet: «Du darfst nicht schummeln.» Das leuchtet den meisten Kindern auf Anhieb ein, wenngleich sie unterschiedlich damit umgehen. Wie ihre Eltern im übrigen auch. «Du, Mama», sagt das Kind vor dem Fernsehgerät. «Gell, man darf nicht schummeln.»

«Nein, das darf man nicht», antwortet die Mutter ruhig.

«Du, Mama», fährt das Kind fort. «Gell, der Papa verkauft dieses Olivenöl auch in seinem Laden.»

«Welches Olivenöl?»

«Dieses, das gerade im Fernsehen gezeigt wird, schau!»

«Ja, dieses Olivenöl verkauft der Papa auch in seinem Laden.»

«Du, Mama, der <Kassensturz> sagt, bei diesem Olivenöl werde beschissen. Ist Papa jetzt ein Betrüger?»

«Natürlich nicht, Papa ist Filialleiter und verkauft nur, was im Regal steht.»

«Du, Mama, muss Papa den Kunden nicht sagen, dass auf der Etikette zwar <Extra vergine> steht, der Inhalt aber von minderwertiger Qualität ist?»

«Nein, das ist nicht die Aufgabe von Papa. Er muss das Olivenöl nur verkaufen.»

Das Kind war irritiert. Es lernte aber schnell von den Erwachsenen und wurde auch Verkäufer. Zum stattlichen Mann herangewachsen, hatte das einstige Kind bald grossen Erfolg dank seiner kreativen Verkaufsmethoden. «Ein Qualitätsmerkmal von Fleisch und Käse ist die grosszügige Lagerung», sagte er sich und versah abgelaufene Packungen mit einem neuen Verkaufsdatum. Für Aktionen kaufte er immer öfter Billigware, setzte einen Phantasiepreis und gewährte darauf 50 Prozent Rabatt. Die Kunden waren begeistert. Er dachte sich immer ausgefeiltere Optimierungsmethoden aus, bis er eines Tages vor dem Richter stand. «Sie sind ein Betrüger», sagte der Richter. «Ich habe doch immer nur mein Bestes gegeben», verteidigte er sich erfolglos. Zu Hause angekommen, ärgert sich seine Frau: «Unser Sohn hat schon wieder seine Schulkameraden abgezockt.» «Zum letzten Mal, mein Sohn: Du darfst nicht schummeln!»

hans.suter@wilerzeitung.ch