«Wie Psychologie mit Liebe»

19 Jahre lang war Inge Ammann Religionslehrerin. Unter anderem in Ganterschwil und Lütisburg. Auch Schwimmen und Handarbeit hat sie unterrichtet. Sie konnte Kinder für die Religion begeistern und war keine konventionelle Lehrerin.

Martina Signer
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Inge Ammann hat von zahlreichen Schülern Briefe erhalten, die sie aufbewahrt. (Bild: Martina Signer)

Inge Ammann hat von zahlreichen Schülern Briefe erhalten, die sie aufbewahrt. (Bild: Martina Signer)

GANTERSCHWIL. Inge Ammann sitzt unter dem Walnussbaum auf dem Bauernhof in Ganterschwil, den sie mit ihrem Mann bewirtschaftet hat. Nun übernimmt der Sohn den Bauernhof, und Inge Ammann und ihr Mann können etwas kürzertreten. Das hat sie auch in ihrem Beruf als Lehrerin getan. Vor den Sommerferien wurde sie von ihren Schülerinnen und Schülern verabschiedet. Zufrieden blickt sie über die idyllische Landschaft und wirkt glücklich. Damals, als sie sich entschlossen hat, auch Religion zu unterrichten, hat sie dies aus Dankbarkeit getan. «Aus Dankbarkeit darüber, dass ich ein schönes Leben haben darf.» Und auch, um sich zu besinnen. Wieder einmal nachzudenken über das Leben. Ihre beiden Lieblingsfächer in ihrer Grundausbildung zur Handarbeitslehrerin waren damals Kunst und Psychologie. «Und ich habe gemerkt, dass Religion für mich eigentlich wie Psychologie mit Liebe ist.»

Kinder für Religion begeistern

40 Jahre alt war Inge Ammann, als sie beschloss, die Ausbildung zur Religionslehrerin zu absolvieren. Zwei Jahre dauerte die Ausbildung. Das Angebot in Lütisburg und Ganterschwil kam dann genau zum richtigen Zeitpunkt.

«Eigentlich war Schwimmen immer mein Lieblingsfach», sagt sie. Der Unterschied zum Religionsunterricht sei schnell deutlich geworden: «Beim Schwimmen waren 90 Prozent der Kinder begeistert. Im Religionsunterricht mussten sie eher begeistert werden.» Inge Ammann schaffte dies, indem sie nicht einfach jedes biblische Thema unterrichtete, sondern auch Situationen aus dem Alltag der Kinder verwendete. Am liebsten waren den Schülern die Theaterstücke, welche Inge Ammann geschrieben hat. Jedem Schüler kam eine individuelle Rolle zu. Die Stücke handelten von Konflikten, welche den Schülern so oder ähnlich begegnen könnten. Inge Ammann war dabei kein Aufwand zu gross. Sie schrieb die Stücke auch kurzerhand um, damit die Schüler ihre eigenen Ideen einbringen konnten. «Oft hatte ich ein Grundgerüst verfasst, und das Ende entstand dann von allein durch die Ideen der Schüler», sagt sie. Der Lerneffekt geschah so ganz nebenbei, und die Kinder näherten sich der Thematik auf spielerische Art und Weise. Nicht nur das Religiöse, sondern vor allem das Vermitteln von Geschichten aus der heutigen Zeit war Inge Ammann ein Anliegen. «Kinder leben in einer mehr oder weniger intakten Familie, sind verschiedenen Ängsten ausgesetzt, werden oft gestresst und überfordert, aber auch verzärtelt, müssen vielleicht mit einer Behinderung klarkommen, sind verliebt, enttäuscht, traurig, wütend. So vieles geschieht, und wir nehmen uns kaum Zeit, darüber zu sprechen.»

Positive Rückmeldungen

Nicht umsonst erhielt die Lehrerin immer wieder positive Rückmeldungen von einzelnen Schülern. Nicht selten nach dem Unterricht war von Kindern zu hören: «Heute hat es mir wieder einmal ganz besonders gefallen.» Die Theater, das ist Inge Ammann besonders aufgefallen, konnten auch den Zusammenhalt innerhalb einzelner Klassen fördern. Zu Beginn einer Lektion gab Inge Ammann ihren Schülern die Gelegenheit, zu erzählen, was sie beschäftigt. Dabei ist ihr eine eher unschöne Entwicklung aufgefallen. «Am Anfang meiner Laufbahn als Lehrerin nutzten die Kinder diese Gelegenheit vermehrt dafür, von sich zu erzählen.» Einige Kinder hätten verlernt zu reflektieren. Ausserdem erzählten sie immer mehr von kommerziellen Sachen. Was sie geschenkt bekommen haben oder wie weit sie mit den Eltern in die Ferien gereist sind. Auch die neusten Modeerscheinungen scheinen die Kinder mehr zu interessieren als zum Beispiel, woher die Milch in ihrem Müesli stammt.

Zu viele Einflüsse auf Kinder

Dies sei ihr bei einem Ereignis speziell bewusst geworden. «Ein Junge hat sich von mir gewünscht, dass er beim Heuen helfen darf. Und zwar zum Geburtstag.» Das habe ihr gezeigt, dass Kinder in der heutigen Zeit zu vielen Einflüssen ausgesetzt sind. TV, Games, zu viele Hobbies, Internet, Reisen ins Ausland, gestresste Eltern – das sei für einige Kinder zu viel.

Inge Ammann hat immer alle Kinder individuell betrachtet und behandelt. «Wenn ich gemerkt habe, dass Kinder unaufmerksam oder müde wurden, habe ich kurzerhand den Unterricht angepasst.» Sie hat Spiele eingebaut oder einzelnen Kindern andere Aufgaben gegeben. Und dabei kam es ihr nicht auf die Religion der einzelnen Kinder an. Gerne hätte sie auch ein Mädchen weiterhin unterrichtet, welches moslemischen Glaubens war. Ihr habe der Unterricht sehr gut gefallen, aber ihr Vater habe darauf bestanden, ihr zuerst die Grundlagen des Islams beizubringen.

Nicht nur an sich selber denken

Inge Ammann war und ist es immer noch ein Anliegen, den Kindern wichtige Grundwerte mitzugeben. Sich für die Umwelt einsetzen, weniger Abfall produzieren, nicht immer das Neuste, das Billigste und immer mehr wollen. Bewusster einkaufen und essen sind dabei ebenfalls wichtige Aspekte. «Mit diesen Grundwerten würde das Leben spannender. Kinder würden viel fürs Leben lernen. Somit gäbe es mehr eigenverantwortliche Bürger in diesem Land, die nicht nur an sich selber denken. Offene Augen und Zeit für die wesentlichen Dinge des Lebens wünsche ich allen.»

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